Kapitel 1: Vor und zurück

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, weder auf meinem Blog, noch sonst irgendwo einen bewussten Jahresrückblick aufzuschreiben ...




Ich habe mich bewusst dafür entschieden, weder auf meinem Blog, noch sonst irgendwo einen bewussten Jahresrückblick aufzuschreiben oder zu gestalten. Das tut weh und das habe ich in etlichen Erinnerungen schon so oft dieses Jahr getan. Unschöne Zeiten. Das nun so kurz erscheinende Davor, das nun so lang gezogenes und weniger schönes Danach. Werde ich nun immer vor und nach dem Ereignis rechnen? Ist das mein Willemsen'scher Knacks? Weihnachten fühlte sich nicht wie Weihnachten an und war machte mich unendlich traurig. Wird das jetzt jedes Mal so? Ich hoffe nicht. Man drückt meine Hand fester, wenn Tränen zu sehen sind. Ich habe Glück. So viel Glück mit den Menschen, die sich um mich herum sammeln. Ich werde ernst und in den Arm genommen, mir wird Zuhören angeboten, man schreibt mir ausführlich.

Am Tag vor Heiligabend trifft sich meine ehemaligen Jahrgangsstufe am Glühweinstand. Ein wenig seltsam, wie ich finde. Mit wem spricht man, wer spricht mit einem? Während man beim ersten Treffen nach dem Abitur noch stolz und mit echter frischer Spannung und Neugierde erzählen konnte, welche Wege man eingeschlagen hat, verliert das nun langsam an Reiz. Ausbildungen sind abgeschlossen, Studiengänge abgebrochen, wir werden zu nickenden "Ah, interessant!"-Sagern, obwohl wir noch längst nicht all das interessant finden, was wir hören. Schlimmer noch: Wir legen uns Sätze zurecht, die beschreiben, was wir tun, wie weit wir sind und wie wir das finden. Vielleicht noch eine Aussicht, wohin es gehen wird und schon sind wir angekommen im Smalltalk der Erwachsenen. Ein Austausch, der zwar nicht sehr tief geht - wie soll es auch? - aber zu netten Verbindungen, Überraschungen, angenehmen Worten und Blicken führt.

Meine Schwester und ich liegen im Wohnzimmer rum und beobachten den Staubsaugroboter, der hin und her fährt.
"Krass, ist der stupid", sage ich, als er fünf Mal gegen ein Stuhlbein fährt und sich erst dann umdreht, um dann in Kabeln hängenzubleiben, die zu Lichterketten und Laptopakkus gehören. Meine Schwester verteidigt ihn und je mehr sie erzählt und je länger ich den Roboter beobachte, desto mehr sehe ich ihn wie ein süßes Haustier. Ich wische Staub zusammen und knülle ihn zusammen und lege dieses Staubflusenleckerli auf den Boden, damit der Roboter es essen kann.

Ich tausche auf dem Teppichboden sitzend Geschenke mit meinem Freund aus, kegele auf Familienfeiern und male Filme auf, die andere erraten müssen.

Der Wuppertal Hauptbahnhof wird umgebaut. Vollkommenes Chaos, Baustellen, Provisorien und Absperrungen überall. An Gleis 1 wird es eng an der Treppe, die zur Unterführung und den anderen Bahnsteigen führt. Ein älteres Paar ist mit einem etwa Dreijährigem und einem Kinderwagen unterwegs. Der Herr trägt das Kind auf dem Arm, die Dame ist beschäftigt, den Kinderwagen die engen Treppen hinunter zu bekommen, ohne ihn fallen zu lassen oder zu stolpern.
Hinter ihnen, und vor mir, geht ein junger Mann die Treppe hinab. Er hat eine Trainingshose an, dunkle Augen, schwarzes Haar und Bart, eine große silberne Uhr am Arm und tippelt ungeduldig langsam hinter der Frau her. "Ey!", ruft er plötzlich und die Dame dreht sich erschrocken herum. Er überholt sie, greift an den Kinderwagen. "Darf ich Ihnen damit helfen?" Die Frau bejaht und bedankt sich herzlich. "Eh, gar kein Problem!", antwortet er.
"Guck mal, der nette junge Mann hat uns geholfen mit dem Wagen", erklärt der alte Herr dem Kind auf seinem Arm und sie überlegen, wo sie nun hin müssen. Ein paar Meter weiter, an der Treppe zum nächsten Gleis bleibt der junge Mann stehen und wartet auf das ältere Paar. "Hey, also, wenn Sie hier hoch müssen. Da kann ich Ihnen nochmal helfen."

Man muss nach vorne sehen, sagt man. Wenn einem etwas passiert, in welcher Form auch immer, bringe es nichts, sich daran aufzuhängen. In die Zukunft blicken soll man. Das tue ich. Versuche ich. Allerdings mit Panik. Ich sehe in meine Zukunft und kann entweder wenig erkennen oder erschrecke, weil dieses Wenig erkennbar ist. Ich mache Pläne, überfordere mich mit Projekte, Ideen, Bewerbungen.
Um 0:00Uhr mache ich meinen Jahresplan am Laptop, fülle Zeilen und Spalten aus, wann ich was machen oder geschafft haben will. Ich starre auf die Ziffern, die auf 00:00 Uhr springen. Sekunden später steht mein Vater mit Maracujasaft mit Whiskey vor mir und wir stoßen an.

Der erste Januar ist so schön still. So schön leer, weil alle lange schlafen, auskatern und nicht die Kraft haben, aggressiv und laut durch die Gegen zu laufen, wie es manche Menschen in ihrem Alltag tatsächlich tun.
Ich belebe eine Neujahrstradition und lasse mir ein Bad mit Mandelöl ein. Oft war ich jemand, der baden langweilig fand und unruhig nach einigen Minuten wieder die Wanne verließ. Was soll man währenddessen machen? Bei einem Buch besteht die Gefahr, es fallen zu lassen, beim Handy ebenso und irgendwie finde ich es zu albern, meinen Laptop aufzustellen und Serien von der Badewanne aus zu gucken. Ich liege rum. Dieses Mal, denke ich aber so viel nach, dass ich erst aussteige, als meine Hände ganz schrumpelig und sich die letzte Schaumblase aufgelöst hat.
Was will ich wirklich? Was strebe ich nur an, weil ich denke, ich sollte es tun. Was soll ich, was muss ich. Aber was WILL ich wirklich? Das Rauschen von Buchseiten, das hastige Tippen am Vormittag, um die Illusion aufrecht zu erhalten, ich sei produktiv und müsste das sein, auch wenn ich jeden Abend über Stunden wach im Bett liege und traurig bin. Das ist nicht meine Zeit, denke ich. Habe ich denn aber Recht, das zu sagen? Wie lange darf man trauern, ohne dass andere genervt sind? Ohne, dass man selbst nur noch genervt ist?

Ich schaue Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind im Kino an, gehe in eine wunderschöne Ausstellung, schwimmen und zu Ikea. Fast eine Woche bin ich in Berlin, wo ich Menschen treffe, viele leckere Sachen esse und erschöpft bin.

Auf der Suche nach den richtigen Stiften für mein Bullet Journal laufe ich in einem Kaufhof herum. Ich werde nicht so richtig fündig, kaufe dennoch einen Faber Castell Stift, der irgendwie klappen könnte, aber vermutlich viel zu dick ist. Dann will ich raus. Schon von weitem sehe ich, dass ein Mann vor der Ausgangstür wartet. Er sitzt im Rollstuhl und möchte vermutlich auch hinaus, kann die Türen jedoch nicht alleine öffnen. Er ist etwa vierzig Jahre alt, trägt eine Brille und wartet still und geduldig. Vielleicht schon einige Minuten. Ich gehe zügiger und halte ihm die Tür weit auf.
"Oh, vielen Dank!", sagt er und lächelt mir aufrichtig zu.
"Sehr gerne!", antworte und freue ich mich über sein Freuen.
"Die meisten, die hinausgehen schauen nicht hinter sich", erklärt er.


































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  1. Unglaublich schön geschrieben! Es liest sich locker und flüssig in einem durch und ich könnte Stunden so weitermachen

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