Greenwashing in rosa

Werbekampagnen, Elitenfeminismus und Girlpower. Gibt es etwas wie Greenwashing in rosa? Wird Feminismus mittlerweile als Marketings...




Werbekampagnen, Elitenfeminismus und Girlpower. Gibt es etwas wie Greenwashing in rosa? Wird Feminismus mittlerweile als Marketingstrategie genutzt? Und was heißt das für den Feminismus und seine Authentizität? Ich habe mit Laura Sodano, freie Journalistin und Gründerin von habits, darüber gesprochen, was es heißt, wenn politische Bewegungen kommerzialisiert werden und was das alles noch mit Feminismus zu tun hat.





Gibt es etwas wie Green Washing, nur in rosa? Der Feminismus als Aushängeschild eines Unternehmens, Produkts oder Person?

Grundsätzlich versuche ich immer, vorsichtig mit solchen Behauptungen zu sein. Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass Feminismus in letzter Zeit zunehmend zu einem starken Buzzword geworden ist, mit dem einige Unternehmen und Promis gezielt für sich werben. Vor allem in den USA scheint sich hierbei zunehmend eine Art Glamour-Feminismus durchgesetzt zu haben, der die Message der „Powerfrau“ im Korsett eines männlichen Blicks präsentiert. Dem stehe ich insgesamt kritisch gegenüber. Man nehme nur einmal Beyoncés VMA-Performance. Plötzlich blitze da das Wort „Feminist“ in Leuchtbuchstaben im Hintergrund auf. Im Kontext mit all dem Glitzer, dem knappen Kostüm, dem wallenden Haar und den High Heels ist mir das irgendwie aufgestoßen. Ich empfand das als ambivalent. Ähnlich geht es mir mit Katy Perry. Sie singt als Pfarrerstochter selbstbewusst „I kissed a girl and I liked it“. Gleichzeitig räkelt sie sich wie ein Playboy-Häschen zwischen den Laken. Wer von diesem Clip in erster Linie angeturnt werden soll, liegt doch klar auf der Hand. Und apropos Playboy: Über das Entkleiden als emanzipativer Akt wurde ja auch schon zu Genüge diskutiert. Das soll nicht heißen, dass nicht auch Frauen feministisch sein können, die dem gängigen Darstellungsnarrativ des Weiblichen entsprechen. Das auf keinen Fall! Vielmehr ist es sogar gut und wichtig, wenn Popstars von solchem Format in diesem Punkt klar Stellung beziehen. Ihre Strahlkraft sollte man nicht unterschätzen. Nur ist es wirklich schon mit einem plakativ ausgestellten Claim getan? Wo bleibt da die tatsächliche Botschaft dahinter? Wofür steht die Künstlerin XY genau? Schließlich ist Feminismus ein breit gefasster Begriff. Da muss dann einfach mehr kommen. Zum Glück war das bei Beyoncé im Nachhinein ja auch durchaus der Fall.  
Dass es aber auch ganz anders laufen kann, zeigt mein persönliches Negativ-Beispiel aus dem (ich glaube) letzten Jahr: Die Cosmopolitan brachte einen Artikel, dessen Aufhänger lautete „Warum wir Feminismus jetzt cool finden“. An der Seite gab es eine Vergleichstabelle mit Feminismus früher und heute. Dort wurden dann tatsächlich einem Paar Birkenstocks (früher) ein Modell von Céline (heute) gegenübergestellt. Ne, ist klar! Wenn es am Ende nur darum geht, dann können wir alle beruhigt sein. Dann haben wir ja tatsächlich keine Probleme und können den Feminismus abschaffen. „Feminismus ist cool geworden“, ist ohnehin ein Satz, de habe ich 2016 unglaublich häufig gelesen und gehört habe. Nur was daran cool ist, das formulieren leider die wenigsten. Dabei wäre doch genau das spannend für einen Dialog.







Im Sommer ging eine Neuauflage des Spice Girls Videos von "Wannabe" viral. Es war ein bunter, frecher "Girlpower" Spot, der Spaß machte und einen Ohrwurm in eine politische Botschaft umhüllte. "Es könnte doch eigentlich zu schön sein! Da veröffentlicht die UN einen Spot, in dem es um die Rechte von Frauen und Mädchen rund um den Globus geht – und zwar um die von allen Frauen ganz gleich welcher Herkunft", schriebst du, "Eine tolle Botschaft, die wir so aber irgendwie nicht ganz unterschreiben wollen." Was hat dich daran gestört?

Die Idee dahinter mag durchaus einen richtigen Ansatz gehabt haben. Leider haperte es ganz klar an der Umsetzung. Das hätte den Verantwortlichen schon bei der ersten Recherche auffallen müssen. Wer sich nämlich auch nur ein bisschen mit Feminismus in der Musik auseinandergesetzt hat, der weiß, dass die Spice Girls mit all ihrer Proklamation von Girl Power im Prinzip nichts anderes sind als eine domestizierte Variante der Riot Grrrls. Ihre Vertreterinnen wie Kathleen Hanna von Bikini Kill oder Carrie Brownstein von Sleater Kinney verkörperten in den 90ern die Stimme einer ganzen Generation junger Mädchen und Frauen. Das erkannte natürlich auch die Pop-Industrie und versuchte aus dieser Entwicklung Profit zu schlagen. Eine ganz ähnliche Entwicklung gab es ja auch bei Nirvana und dem Grunge im Allgemeinen, der ja wiederum eng mit den Riot Grrrls verknüpft war. Beide Strömungen kamen aus Seattle. Das Konzept der Spice Girls war von Anfang an als eine Art glattgebügelter Feminismus angelegt. Fünf Mädels – allesamt gecastet von einem, wenn ich richtig informiert bin, vornehmlich männlichen Team – verkörpern jede für sich eine bestimmte Gewürznote (ein Spice) und das Motto „Girls before Guys“. Dahinter zeichnen sich allerdings schnell herrschende Stereotypen ab. Wir haben den sexy Vamp, die arrogante Tussi, das naive Blondchen, usw. Sie alle tragen knappe Outfits, sind immer perfekt hergerichtet und entsprechenden herrschenden Körperidealen. Schaut man sich dann auch noch den dazugehörigen Spice Girls-Film an, nur ein Bestandteil einer schier unerschöpflichen Werbekampagne, wird auf den ersten Blick deutlich, wie naiv und planlos die Mädels außerdem charakterisiert sind. Sie stolpern ja mehr durchs Leben, als dass sie wirklich bewusste Entscheidungen treffen. Von Emanzipation und Selbstermächtigung kann da irgendwie nur schwer die Rede sein – auch wenn das Ende uns schnell einmal die Weltrettung vorgaukeln soll. 

Und genau das wird 2016 auf einmal zum Vorbild für eine global angelegte Feminismus-Kampagne? Da liegt der Fehler doch auf der Hand. Hat außerdem schon mal jemand auf den Text von Wannabe gehört? Was will uns der Refrain eigentlich sagen? Im Prinzip ist das doch nichts weiter, als eine Aneinanderreihung von Lautsprache. Was soll da die Botschaft sein? Außerdem arbeitet auch der Clip der UN stark mit Stereotypen. Wir bewegen uns in indischen Slums, wir sehen amerikanische Vorstädte, die visuell stark an Armut und Schwarzen-Kultur geknüpft ist und das alles sehr stark im Format einer Kulisse inszeniert. Ich würde mir wirklich wünschen, dass gerade Organisationen wie die UN zukünftig mehr Energie darauf verwenden, subtil-authentische Ansprachen zu entwickeln, statt plakative herrschende Bilder herauszuheben. Die bestätigen nämlich schlussendlich eher das, wogegen sie angehen wollen. 





Die Journalistin Andi Zeisler schreibt im Vorwort ihres Buches "We Were Feminists Once": "Als ich an diesem Buch zu arbeiten begann, passierte etwas Seltsames: Feminismus wurde cool." Feminismus ist nicht mehr nur politische Bewegung, sondern ein Teil von Popkultur. Man denkt nicht mehr nur an Alice Schwarzer und eine historische Ahnung, dass es mal etwas wie die Suffragetten gab. Es gibt Lena Dunham, Beyoncé, Emma Watson. Auf Blogs sehen wir Collagen wie "Gift Guide for Feminists" und Socken, auf denen GIRLPOWER und bei Urban Outfitters gibt es glitzernde Teile, auf denen Feminism steht. Wie sehr ist Feminismus schon ein trendiges Label, mit dem man sich schmückt?

Wie oben schon erwähnt, geht die Tendenz leider in diese Richtung. In diesem Punkt geht es dem Feminismus nicht anders als vielen anderen Subkulturen. Schon Dick Hebdige stellte in seinem Buch „Subculture. The Meaning of Style“ heraus, dass je bekannter subkulturelle Strömungen werden, desto mehr entdeckt auch der kapitalistische Mainstream ihren Reiz. Das lässt sich von Punk über Grunge bis hin Clean Eating und, ja, sogar Schlager beobachten. Das Problem an dieser Entwicklung ist leider oft, dass mit dem Eintritt in diese Strukturen die eigentliche Botschaft zunehmend in den Hintergrund gerät. Was dann noch zählt, ist der Claim, die Attitüde, der Look. Da wären wir dann wieder bei der Feminismus-Leuchtschrift von oben. In eine ähnliche Kerbe schlagen auch die zahlreichen Pullover und Shirts, die 2016 den Markt fluteten. Von teuer bis günstig konnte nun jeder in diesem Jahr also ganz offiziell die Forderung nach Emanzipation auf der Brust tragen. Hier stellt sich dann aber wieder die Frage: Stehe ich wirklich dahinter? Warum trage ich dieses oder jenes Oberteil? Was sind meine Forderungen? Schließlich mache ich mich mit dieser Zuordnung auch ein Stück weit angreifbar. Man mag ja eigentlich nicht glauben, wie vielen Personen die öffentliche Zurschaustellung von Feminismus noch immer sauer aufstößt. Vor allem im Netz gibt es ganze Gruppen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, starke, mutige Frauen durch üble Beschimpfungen und Drohungen mundtot zu machen. 

Und noch eine Sache fällt bei einigen der Shirts auf: Sie laufen Gefahr, den Begriff des Feminismus zu verkürzt darzustellen. Wenn ich mir als Frau den Claim „The Future is Female“ auf die Brust setze und das ohne einen Hauch Ironie, schließe ich damit doch irgendwie kategorisch alle Männer aus. Genau das sollte der zeitgenössische Feminismus nicht mehr wollen. Das hat er nicht mehr nötig- Es geht nicht darum, die einen auf Kosten der anderen an die Spitze zu setzen. Geschlechterkampf mag für frühere Generationen gegolten haben und notwendig gewesen sein. Heute sollte es aber vielmehr um das Miteinander gehen. Ich hoffe, das wir in diesem Punkt tatsächlich schon einen Schritt weiter sind. Daher wird das Shirt eigentlich auch erst dann wirklich spannend, wenn ein Mann es trägt, oder?



Ist das ein westlicher Elitenfeminismus?

Ja und nein! Grundsätzlich ist es immer schwer, das im Blick zu behalten, was außerhalb der eigenen Kultur und Peer Group passiert und entsprechend zu argumentieren. Oft fehlen einfach die direkten Anknüpfungspunkte, man muss sich Hintergrundwissen erst aneignen und auch erst einmal bereit sein, sich mit dem „Anderen“ auseinanderzusetzen. Das ist ein aktiver Prozess. Es bedarf Arbeit. Außerdem ist es kein Geheimnis, dass der Mensch eher für sich und seine Rechte eintritt, wenn er über einen gewissen Wohlstand und eine gewisse Sicherheit verfügt. Das ist vergleichbar mit dem Prinzip Hunger. Erst wenn es nicht mehr nur noch ums Sattwerden geht, kommt der Genuss. Klar drehen sich daher auch die aktuellen feministischen Ansätze vor allem um Themen, die Frauen in der westlichen Welt betreffen bzw. von denen sie sich betroffen fühlen. Das ist erst einmal nicht falsch. Nur weil es andere Probleme gibt, die insgesamt gravierender sind, heißt das ja nicht, dass meine eigenen nichts zählen. Das Empfinden von Missständen ist in erster Linie etwas Subjektives. Trotzdem ist es wichtig, den Geist offen zu halten, um auch andere Sichtweisen und Probleme zuzulassen, Empathie zeigen und sich, wie oben schon erwähnt, mit dem beschäftigen, was außerhalb der eigenen Lebensrealität passiert. Wir in Europa und der westlichen Welt haben das Glück, dass andere Frauen für uns schon eine ganze Menge Arbeit geleistet und erkämpft haben. Das ist aber nicht überall auf der Welt so. Und das dürfen wir nicht ausblenden. In vielen Teilen der Welt sind Frauen noch immer Personen zweiter Klasse, wenn sie nicht sogar beinahe wie Gegenstände behandelt werden. Sie können oft nicht für sich selbst einstehen, weil es um mehr geht, als ein paar Hater im Netz. Es geht um ihr Leben und nicht selten auch um das Überleben der Familie. Da muss erst etwas schlimmes passieren, damit die Welt hinschaut und diesem Frauen für einen kurzen Moment die Gelegenheit haben, auf ihre Missstände aufmerksam zu machen. Der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesh 2013 ist so ein Beispiel. Inzwischen scheint aber auch das wieder zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Umso wichtiger ist es daher, dass wir im privilegierten Westen auch ihren Kampf nicht aus den Augen verlieren. 
Dabei kommen wir meiner Meinung nach aber nur schwer voran, wenn wir nicht versuchen uns ständig wieder für andere Blickwinkel zu öffnen. Die Debatte um die Burka ist hier ein anderes Beispiel. Ich selbst stehe dem Thema sehr zwiegespalten gegenüber und fühle mich im Moment noch nicht genug informiert, um mich auf eine Seite zu schlagen – sofern es die überhaupt geben kann. Wenn allerdings einige Entscheider vehement darauf beharren, diese Frauen von ihrer falschen Lebenseinstellung zu überzeugen, grenzt das für mich ans Missionarische – und das kann doch allein aus der Wortbedeutung heraus nicht der richtige Weg sein, oder? 

Kurz gesagt: Aufs Gesamte betrachtet, haben wir es derzeit in den westlichen Medien durchaus oft mit Elitenfeminismus zu tun. Doch steht dahinter selten eine böse Absicht oder gar pure Arroganz. Es ist einfach ein Ding des eigenen kulturellen Umfelds. In diesem Punkt müssen wir an uns selbst arbeiten. 



Die Werbewelt hat das mitsamt seiner Marketingstrategien bereits verinnerlicht und richtet sich danach. In einem Artikel kritisierst du das Kampagnenvideo der H&M Herbstkollektion, die von manchen als "feministisch" und positive Veränderung gefeiert wird, die auf der anderen Seite aber immer wieder mit Vorwürfen der Ausbeutung von Näherinnen oder sogar Kinderarbeit zu kämpfen haben. Ein poppiger Song im Hintergrund, für eine Sekunde eine Dame mit pinker Frisur und Achselhaar, eine Frau mit rasiertem Kopf, eine ältere Dame, ein Transgender Model. "Ist das denn jetzt eigentlich Revolution oder kann das weg?", hast du dich gefragt. Kurze Zeit vorher hattest du bereits am Beispiel der Kampagne von Lonely mit Lena Dunham und Jemima Kirke gefragt, ob "weibliche Diversität in den Medien nun tatsächlich gefeiert oder doch vielmehr nur als effekthascherische Marketingstrategie genutzt wird." Und tatsächlich sieht man immer mehr Feminismus-suggerierende Kampagnen im Netz, TV und in Print. Ist diese Veränderung ist bei den Unternehmen angekommen? Oder waren sie es, die diesen Wandel geschaffen haben?

Ich glaube, das bedingt sich tatsächlich gegenseitig und zeigt sehr schön, wie Wahrheiten im Foucault´schen Sinne wandelbar sind. Das Bedürfnis sich von herrschenden Körpernormen zu befreien, existiert seit der Mensch vernünftig denken kann und hat im Kontext seiner jeweiligen Epoche auch immer Ausformulierung gefunden. Was wir heute als ästhetisch empfinden, gilt ja nicht seit jeher als unumstößliches Maß. Man muss sich nur mal den Barock anschauen, mit seinen drallen Rubens-Frauen oder nach Brasilien blicken, wo ein runder, praller Po als erstrebenswertes Ideal gilt. Was wir aber sagen können: Unsere Gegenwart ist deutlich geprägt durch das Bild des Perfekten. Computertechnologien ermöglichen es uns, Menschen zu zeichnen, die von jedem Makel frei sind. Das mag anfangs einen gewissen Reiz ausüben und vor allem in der Werbung wurde das ja lange auch reichlich auf die Spitze getrieben. Irgendwann frustrieren all diese unerreichbaren Bilder aber nur noch. Denn egal, wie viel Arbeit man auf sich selbst verwendet, man kommt an sie nicht heran. Sie sind nicht real, sondern artifizielle Sehnsuchtsvorstellungen, die uns kulturell von klein auf eingeimpft werden. Schließlich werden wir tagtäglich mit ihnen konfrontiert. 

Vor allem in den letzten Jahren scheint sich zunehmend das Bedürfnis nach einer anderen Inszenierung von Weiblichkeit breit zu machen. Vor allem im Hinblick auf den Körper gibt es Verschiebungen in der Wahrnehmung. Dazu hat auch das Internet seinen Anteil geleistet. So oft wir ihm vorwerfen für die gesellschaftliche Verflachung und Überforderung zu sorgen, so sehr ermöglichen seine offenen Strukturen eben auch, dass Peer Groups sich untereinander vernetzen können und eine hörbare Stimme bekommen. Übrigens funktioniert das in beide Richtungen, wie der starke Rechtsruck im Netz aktuell zeigt. Aber zurück zum Thema: 

Schneller als jemals zuvor können kulturelle Normen durch die Öffnung für andere Meinungen so heute in Frage gestellt und im einzelnen vielleicht sogar ausgehebelt werden. Natürlich sorgt das aber auch dafür das subkulturelle Strömungen viel schneller im Mainstream ankommen und leider auch von kapitalistischen Vermarktungsstrategien aufgegriffen werden. Jeder möchte so früh wie möglich ein Stück vom Kuchen der neuen Attraktion abhaben. Schließlich generiert Aufmerksamkeit auch Umsatz. Wir erleben es aktuell, dass Unternehmen gezielt die Entwicklungen im Dunstkreis des Feminismus aufgreifen, um Frauen emotional noch enger an sich zu binden. Schließlich sind sie nach wie vor die stärkste Käuferschicht. Diese Unternehmen inszenieren sich als Partner im Kampf gegen die körperlicher Repression, mit der sich Frauen täglich konfrontiert sehen und preisen ihre Produkte als kleine Heilsbringer gegen falsche Ideale an. Das mögen manche – ich rede hier bewusst nicht von allen – tatsächlich als geschickten Marketingschachzug für mehr öffentliche Präsenz nutzen. 
Gleichzeitig ermöglichen all die Spots und Anzeigen aber auch einen Zugang zum „Anderen“, in diesem Fall zu anderen Körperbildern. Sie machen die Diversität des Weiblichen für eine breite Masse überhaupt erst bewusst sichtbar. Und das färbt durch das Moment steter Wiederholung schließlich auch auf unser Verständnis des „Normalen“ ab. Je öfter wir etwas sehen, desto vertrauter wird es, jede Irritation nutzt sich irgendwann ab. Anders gesprochen: Sie wird gewöhnlich. Und so kann daraus schließlich eine neue Realität entstehen. Von daher haben Medien und Unternehmen den Wandel zwar vielleicht nicht geschaffen, sie tragen aber immer ein Stück weit dazu bei – egal ob gewollt oder nicht. 


Wie lässt sich differenzieren, ob etwas einen aufrichtigen Antrieb hat oder nur das Label und den Trend von vermeintlicher Andersartigkeit und Veränderung nutzt?

Ein Geheimrezept zur richtigen Lesart gibt es hierbei wohl leider nicht. Grundsätzlich steht wahrscheinlich hinter jeder Kampagne irgendwie ein Stück echte Überzeugung, sonst würde das Ganze wohl nicht von den Entscheidern durchgewunken werden. So glaubhaft Achselhaare und Glatze bei Frauen zum Beispiel im H&M-Spot erscheinen mögen, so absurd fehl am Platz erschienen sie dagegen bei einem Unternehmen wie Victoria´s Secret. Die werden sich dem wahrscheinlich auch noch eine ganze Weile verschließen. Am Ende kommt es vor allem auf das eigene Bauchgefühl an. Kann ich Unternehmen XY die Kampagne abkaufen? Möchte ich das überhaupt? Außerdem ist es natürlich immer eine gute Taktik, sich etwas genauer über ein Unternehmen zu informieren. Wo positionieren sie sich im Allgemeinen? Wie sehen andere Kampagnen aus? Triefen die nur so vor emotionaler Effekthascherei, wie etwa die Clips einer gewisser Duschgelmarke, oder betrachten sie Weiblichkeit abseits herrschender Normen als etwas völlig Konformes? Anders ausgedrückt: Stellen sie das Thema Emanzipation aus oder schwingt es einfach als selbstverständliches Rollenbild mit? Wenn eine ähnliche Sprache außerdem schon länger existiert und man sich beim Ansehen des Spots, etc. nicht zwangsläufig missioniert fühlt, ist das eigentlich schon immer ein ganz gutes Indiz, dass die Botschaft glaubhaft ist. Kleine Firmen haben es da natürlich auch immer noch einmal leichter als die global Player, die doch irgendwie immer im Verdacht stehen, nur aus Profitgier zu handeln. 







Die Mehrheit, rund 60 Prozent aller Abiturienten sind Frauen. Auch mehr als die Hälfte aller Hochschulabsolventen sind weiblich. Das spiegelt sich nicht in den Unternehmen und Führungspositionen wider, beispielweise haben nur 3% der Dax-Unternhemen haben einen weiblichen CEO. "Fragt man Personalberater, die sich schon länger auf die Vermittlung von Frauen in Führungspositionen spezialisiert haben, erfährt man die Wahrheit: Die Personalabteilungen in den Unternehmen rekrutieren weiterhin lieber Männer, einzelne Frauen werden als Feigenblatt in den kommunikativen Mittelpunkt gestellt. Das ist einfacher, denn so müssen sich die bestehenden Boy Groups in den Unternehmen nicht aus ihrer Komfortzone fortbewegen", schreibt Claudia Michalski in ihrem Artikel für die ZEIT. Dort schildert sie ihre Erfahrung und Einschätzung zu der aufkommenden Menge an Konferenzen und Events, die sich mit Female Desk, Women Leadership, Female Readiness, Female Shift beschäftigen. Unternehmen veranstalten dies nicht nur, weil sie sich "ja alle so viel mehr weibliche Führungskräfte wünschen", sondern weil sich der "Megatrend Frauen" erkennbar macht, den sie nicht verpassen wollen und um "kommunikativ auf der opportunen Seite zu stehen und im Wettbewerb um Political Correctness nicht das Schlusslicht zu bilden."
- Macht man es sich zu einfach? Ein T-Shirt statt auf die Straße zu gehen? Eine Female Event, statt firmeninterne Veränderungen? Ein Label statt Veränderung?

Puhhhh, beim Thema Quote stellen sich mir grundsätzlich die Nackenhaare auf. Sicher mag es von Seiten der Regierung löblich und richtig sein, Ansätze zu suchen, um die Position von Frauen in Unternehmen zu stärken. Doch ist ein Zwangsanteil an Frauen meiner Meinung nach eindeutig der falsche Ansatz. Das geht am Kern des eigentlichen Problems vorbei. Und das sitzt viel tiefer, als so mancher wahrscheinlich wahrhaben will. Dazu muss ich etwas ausholen: Die Berufswelt war Jahrhunderte lang eine Domäne der Männer. Noch bis in die 70er hinein durften Frauen ja nicht einmal einen Beruf ausüben, wenn der Ehemann dagegen war. Die Frau war für den Haushalt zuständig und die Erziehung der Kinder. Das war sozusagen ihr Job. So etwas setzt sich natürlich in den Köpfen fest – bis heute. Gegenwärtig sind es noch immer eher die Frauen, die in Mutterschutz gehen. Zwar entscheiden sich zunehmend auch immer mehr Väter dazu, Elternzeit zu nehmen, selbstverständlich ist das aber noch längst nicht. Und auch das ist nicht gerade von Vorteil für die berufliche Rolle von Frauen. Ein Chef, der neue Mitarbeiter sucht, wird sich so zwangsläufig auch immer mit der Frage auseinandersetzen, ob und wann, ihm diese Arbeitskraft vielleicht wieder wegfällt, wenn er sich für eine weibliche Angestellte entscheidet. Das kostet im Zweifelsfall Geld und das hat im Kapitalismus nun wirklich keinen Platz. Eigentlich klingt es absurd, aber gerade in der rational geprägten Wirtschaftswelt scheint die Vorstellung einer biologischen Determinierung von Geschlecht noch immer sehr fest verankert. Frauen wird ja beispielsweise auch gerne unterstellt, sie seien emotionaler als Männer. Was als Nachteil im Berufsleben gilt, wo es darum geht, sachliche Entscheidungen zu treffen. Laurie Penny beschreibt das in ihrem Buch „Unsagbare Dinge“ sehr schön. 
Stereotypen und Vorurteile sitzen nach wie vor in unseren Köpfen fest – auf allen Seiten – und wir sind in gewisser Weise tatsächlich zu bequem, um ihnen einmal grundlegend auf den Zahn zu fühlen. Übrigens gilt das nicht nur für das Thema Gleichberechtigung. Irgendwie hat sich ingesamt eine ziemliche Verdrossenheit eingestellt, was Politik und Gesellschaft betrifft. Jeder kämpft für sich allein, in die Angelegenheiten der anderen mischt man sich besser nicht ein. Vielleicht aus Angst, aber auch, um nicht anzuecken. Der Drang zu gefallen und nicht als negativ aufzufallen, hat in unserer Gegenwart ja doch einen ziemlich hohen Stellenwert eingenommen. Makellosigkeit auf verbaler und habitueller Ebene sozusagen. Da ist es natürlich leichter, ein T-Shirt mit dem Wort „Feminist“ zu tragen, als klar zu formulieren: „Ich fühle mich ungerecht behandelt, weil...“ Ähnlich verfahren auch Unternehmen, wenn Sie lieber einen kleinen Betrag in ein Female Leadership-Event investieren, als das Misstrauen gegenüber Frauen im Job im Kern anzugehen. Ganz davon abgesehen, dass sich ersteres natürlich auch viel besser in der Kommunikation nach außen vermarkten lässt. Am Ende geht es heutzutage leider in vielen Punkten nicht mehr um den tatsächlichen Inhalt, sondern mehr um die Attitüde und das Bild, dass man gerne von sich zeichnen will. In der Politik zeigt sich das gerade sehr brutal und offensiver denn je. Statt sich mit der Welt und dem vermeintlichen Chaos, das darin herrscht, wirklich auseinanderzusetzen, folgen viele lieber den marktschreierischen Parolen eines extremen Flügels. Es ist daher auch kein Wunder, dass „postfaktisch“ zum Wort des Jahres gewählt wurde. Ich frage mich, wie lange dieses Verharren im Jetzt noch gut gehen kann.








Girls just wanna have

Girls just wanna have? Fun? Fundamental human rights?Von Slutshaming, über Eurozentrismus. Inwiefern wird Feminismus als Marketingstrategie genutzt? Von Margarete Stokowskis Buch "Untenrum frei" und Youtuberinnen, die gegen Sexismus kämpfen, aber nicht Humor und Spaß verlieren. Was hat Sexismus mit Macht zu tun?  - Was wollen Frauen? Und was will der Feminismus? Was dürfen Frauen und was nicht?

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