Lübeckgelerntes

2016 verschickte ich eine Mail. Eine E-Mail, die ich mir etliche Male durchlas, nachdem ich sie ge- und umgeschrieben hatte, ehe ich auf de...

2016 verschickte ich eine Mail. Eine E-Mail, die ich mir etliche Male durchlas, nachdem ich sie ge- und umgeschrieben hatte, ehe ich auf den Senden Button klickte. Im Anhang eine PDF-Datei. Darin enthalten eine Bewerbung und mein Lebenslauf. Noch ein paar Stunden nach der Mail zehrte ich aus der Aufregung, hatte diesen Akt jedoch Tage und Wochen später weiter nach hinten in meinen Kopf verschoben. Ich weiß nicht, ob es stimmt, wenn ich sage, ich war sicher, dass ich eh nicht angenommen werde. Eigentlich schon, finde ich. Andererseits glaube ich nicht, dass jemand eine Bewerbung verschickt, ohne wenigstens darauf zu hoffen, dass man eine Antwort bekommt. Und die kam. Ich besprach, verschickte Mails, buchte einen Zug ohne Rückfahrt, verabschiedete mich und fand mich vor etwas mehr als einem Jahr in Lübeck wieder.


13 Dinge, die ich gelernt habe, als ich in Lübeck war.


1. Die Stadt ist wunderschön und sehr faszinierend. Es wird völlig normal, seine Zeit in der Altstadt zu verbringen, zwischen wunderschönen Gebäuden und den Fußstapfen von gleich zwei Nobelpreisträgern, Thomas Mann und Günter Grass. Es wird normal, Jenny Erpenbeck zu treffen und Menschen, die Lebens- und Leidensgeschichte der Manns und Ausstellungskonzeptionen erklären zu können. 

2. Freundefinden kann leicht sein. Wenn man offen miteinander umgeht, ehrlich über Stärken, Schwächen, Ziele und Erinnerungen redet.

3. Ich liebe Marzipan und habe herausgefunden, dass sogar einige Freunde und Verwandte, die eigentlich keines mögen, bei dem von Niederegger doch zu Zucker-Rosenwasser-Mandel-Fetischisten werden. Absolut nachvollziehbar, finde ich. Marzipankartoffeln, die tatsächlich Färbungen einer Kartoffelschale bekommen sind zudem ziemlich niedlich. Außerdem gibt es ihn in jeder Form und Variante. Lieblinge meinerseits sind auch die Getränke: heiße Marzipantrinkschokolade, Marzipan Likör und Roibosch-Marzipan-Tee. Auf Dauer hätten sich meine Zähne vermutlich von selbst aufgelöst.





4. Das Nordische. Ich glaube, dass ich eigentlich viel eher ein Nordischer, als ein Rheinischer Mensch bin. Ich bin keine extrovertierte Frohnatur, sondern viel distanzierter und ruhiger. Das habe ich in vielen Menschen in meiner Nachbarschaft und mit denen ich zu tun hatte gesehen und die Stimmung geliebt. Nicht laut und auffällig sein müssen, damit man bemerkt wird. An einem Abend saß ich mit einem Eis und Buch auf einer Parkbank, als ein etwa 50-Jähriger Fahrradfahrer genau vor mir anhielt, mich anlächelte und fragte, ob mir das Eis denn schmecke. Ich bejahte, er freute sich und fuhr grüßend wieder weiter.

5. Das Nordische. Ausgerechnet an dem Tag, als ich Besuch aus Berlin hatte und ihnen Lübeck zeigte, bekam ich auch die andere Seite des angeblich typisch Nordischen zu Gesicht. Für ein Getränk und ein gutes Essen setzten wir uns in ein Fischrestaurant, in dem ein so forscher, unfreundlicher alter Seemann uns so behandelte, dass wir uns fühlten, als würde ein Dementor uns alle Liebe aus dem Körper saugen.





6. Nur mit dem Besitz, der in einen Handgepäckskoffer passt anreisen und auf knapp 10m² leben war nicht schrecklich, sondern kann sehr befreiend sein.

7. Städte ändern oder vertreiben nicht die Traurigkeit, sie verlagern sie höchstens und definieren sie um.

8. Franzbrötchen und Alsterwasser. Immer wieder gerne.

9. Routine beruhigt. Jeden Morgen zur gleichen Zeit aufstehen, Müsli frühstücken und Zeitung lesen, zur gleichen Zeit aufbrechen und zur Arbeit gehen und auf jedem Heimweg eine Kugel Eis essen. Jeden Tag 10.000 Schritte gehen und Wasserkästen tragen hat außerdem auch etwas für meine Fitness getan. (Wovon nichts mehr übrig ist.)





10. Die Stärke der Schwachen. Man ist nicht dann stark, wenn man glaubt, keine Fehler zu haben, sondern dann, wenn man sie erkennt und mit und an ihnen arbeitet.

11. Viele Fahrräder und viele Regenjacken. Bisschen viel Wind.

12. Das schönste Wochenende war eines, an dem mein Freund zu Besuch war und wir beschlossen, das Wochenende in ein Motto zu setzen. Wir machten eine Schiffsrundfahrt um die Altstadtinsel, snackten etwas an der Fischhütte (auch wenn es bei mir bei Pommes blieb, weil ich keinen Fisch esse), gingen in das unglaublich moderne und riesige Hansemuseum und hatten abends einen Tisch in einem italienischen Restaurant auf einem Boot reserviert. Ein sehr perfektes Wochenende.

13. Die Beschäftigung mit zweifelnden Künstlern ermutigt auf eine perverse Weise. Pausen am Steg, Wasser in der Luft und Ausflüge ans Meer sind außerdem tatsächlich heilsam.








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  1. Schön, deine Liste. Ich schreibe diese "Was ich ... gelernt habe"-Listen ja unglaublich gerne. Und lesen tu ich sie wie ich grade merke, genauso gerne. Der Norden zieht mich seit einigen Wochen auch unglaublich an... du hast das grade noch verstärkt. Was hast du denn für ein Praktikum dort gemacht? :-) würde mich sehr interessieren!

    Liebe Grüße,
    Ana

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