Das Deutschland, in dem ich lebe

Dieser Eintrag ist wirr. Weil ich viel zu viel sagen und zeigen will, aber keine Zeit und Geduld habe, dies nun sehr ausführlich zu tun. H...


Dieser Eintrag ist wirr. Weil ich viel zu viel sagen und zeigen will, aber keine Zeit und Geduld habe, dies nun sehr ausführlich zu tun. Hier also ein paar Fragmente, die in meinem Kopf in einem weichen und dehnbaren Netzwerk sinnvoll miteinander verbunden sind, obgleich ich es nicht schaffen werde, es nun auch hier dermaßen auszuformulieren:

Leider Gottes glaube ich, dass Gauland und ich eine ähnliche Geschmacksvorstellung bezüglich Kleidung haben. Leider.


Schon einmal habe ich auf das Deutschland, in dem wir gut und gerne leben angespielt. Dem CDU Wahlslogan der diesjährigen Bundestagswahl. Ich habe es in diesem Video erwähnt, weil dieser Slogan (bewusst) so viele Prämissen vorwegnimmt, und ich mir nicht sicher bin, welchen davon ich zustimme. Leben wir bereits in einem Deutschland, in dem wir gut und gerne leben und woll(t)en es mit der Wahl von Merkel aufrecht erhalten? Oder wollen wir ab jetzt und mit dieser Wahl, für ein Land stimmen, in dem wir in Zukunft gut leben und es auch gerne tun? Ganz persönlich würde ich beidem ein wenig zustimmen, wobei mir ein wesentlicher Teil ganz bewusst ist: Ich bin nur ein kleiner Punkt in Deutschland. Ich sehe nicht die Realität, aber auch nicht Illusion und Unwahrheit. Ich sehe allerdings bloß eine Perspektive. Meine. Mit etwas Austausch auch noch Bruchteile derer, mit denen ich über all das spreche und von den ich mehr davon höre, wie ihr Deutschland aussieht. Standpunkte, Auffassungen, Perspektive. - Epistemologie, also Erkenntnistheorie, in einer ganz praktischen Alltagsnähe. Wir lügen nicht. Wir sehen bloß nur einen Teil.


"Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen."

- Friedrich Nietzsche

in: Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister, 1878-1880.
Zweiter Band. Erste Abteilung. Vermischte Meinungen und Sprüche


An dieser Stelle empfehle ich gleich zwei Dokumentationen. Somit wäre die Aufgabe, jeweils eine Doku des Monats für den September und den Oktober zu finden auch gleich getan. Es lohnt sich, beide von ihnen anzusehen, weil sie sich mit komplett unterschiedlichen Dingen beschäftigen, eine komplett andere Herangehensweise und Ernsthaftigkeit haben und auch ganz andere Dinge erreichen wollen, finde ich. Falls ihr sie geschaut habt, dann gebt mit doch bescheid, was ihr daraus gezogen, gedacht, worüber ihr euch empört, amüsiert oder was ihr euch gefragt habt.

  • Einerseits die Doku Nervöse Republik - Ein Jahr Deutschland. Deutsche Politiker werden ein Jahr lang begleitet. Man bekommt Einblicke in den Hass, dem sie ausgesetzt sind oder sogar selbst schüren, sowie das Wechselspiel von Journalismus und Medien und Politik. Brexit, Trump, AfD, "Volksverräter"-Rufe, Fake-News, Hacker – die politische Klasse in Deutschland steht mächtig unter Druck. Auch Journalisten erleben einen Umbruch. Der Film hat einige der wichtigsten Protagonisten ein Jahr lang beobachtet.
    (Ansehen könnt ihr die Doku über diesen Link oder ganz unten im Beitrag)

  • Andererseits aber auch eine Doku, die weniger ernst und dafür humorvoller ist. Also genau das Richtige für diejenigen, die gerade eine Auszeit von allem, was mit der Bundestagswahl und Politik zu tun hat, nehmen wollen: Make Me a German. Eine BBC Produktion und entsprechend auch auf englisch. Eine britische Familie zieht los, um herauszufinden, warum die Deutschen so erfolgreich sind, ziehen für eine kurze Zeit nach Nürnberg und versuchen da, nach Anleitung einer Statistik des durchschnittlichen Deutschen (namens Thomas Müller) ein typisch deutsches Leben zu führen. Und mit dieser anderen Perspektive können wir auch ein klein wenig mehr über uns lernen, wenn wir wollen. Betreiben wir einen Mutterkult? Haben wir Angst vor jeder Art des Patriotismus? Arbeiten wir effizienter? Kaufen wir günstiger ein und passen auf unser Geld besser auf? Woran könnte all das liegen? Natürlich wird auch viel mit Klischees gearbeitet. Für viele von uns sind Nürnberger Würstchen, Sauerkraut und auch dieses Leben, das die Familie dort zu führen versucht, sehr weit weg von unserem Alltag. Ein typischer Alltag in Berlin, in Hamburg und Köln, Duisburg und Düsseldorf sieht vermutlich anders auch. Auch der tatsächliche Alltag in Nürnberg vermutlich. Allerdings gehen wir vom Durchschnitt aus, und der lebt nun mal nicht auf dem Prenzlauerberg. 
    (Ansehen, könnt ihr die Doku hier über diesen Link oder ganz unten im Beitrag)


Ich bin Tochter zweier Menschen, die jeweils nicht in Deutschland geboren sind und deren erste Sprache, in der sie plapperten, sprachen, lernten und träumten nicht deutsch war. Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ihren Weg hierhin fanden. Und wenn ich hierhin schreibe, dann kann ich gar nicht Deutschland meinen, sondern lediglich meine Stadt und Heimat Wuppertal. Ich wurde geboren, wuchs als glückliches Kind im bergischen Land auf, pflückte Johannisbeeren und Stachelbeeren im Garten, spielte auf der Spielstraße mit meinen Nachbarskindern und war gut in der Schule. In bestimmten Bereichen war mein Leben unglaublich privilegiert und ist es noch immer. In manchen Aspekten wurde mir allerdings auch klar, dass ich weder als typisch deutsch wahrgenommen wurde, noch genau wusste, was das eigentlich hieß. Ich gab Nachhilfe, leitete für fünf Jahre mit voller Liebe und kindischem Ernst die Schülerzeitung meines Gymnasiums, wählte Deutsch und Religion als meine Leistungskurse, zog in die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn und studierte dort Germanistik, vergleichende Kultur- und Literaturwissenschaft und Philosophie. Ich wusste mehr über das Land der Dichter und Denker als die meisten, die ich kannte und schrieb. Seit... immer besitze ich die deutsche Staatsangehörigkeit. Und auch trotz alledem werde ich, am Bahnsteig stehend und auf die Regionalbahn wartend, von einer alten Dame grimmig gefragt, ob ich denn überhaupt deutsch könne.

Im ersten Moment war ich so komplett überrumpelt von dieser Frage, dass ich gar keine Gelegenheit fand, mich darüber aufzuregen. Tatsächlich glaubte ich sehr sehr lange, ich habe niemals etwas wie Rassismus erleben müssen. Ich glaube zwar noch immer, dass es mich überhaupt nicht so schlimm trifft, wie einige andere, aber weiß inzwischen, dass ich Rassismus, der sich in irgendeiner Weise auf mich bezog, bis zuletzt nicht als eben solchen realisierte. Auch deswegen, weil er nicht unbedingt bewusst gegen mich gerichtet war. Zu einem großen Teil waren es Witze, bei denen ich irgendwie auch mitspielte. Manche, die zwar über eine Komfortzone hinausgingen, aus denen ich unter Freunden oder Bekannten aber kein Drama machen wollte, mich nicht so anstellen wollte. Aber dann gab es einige Male auch noch dasjenige, was ich wirklich schlimm und verletzend finde. Weil es mich trifft. Mich, in meiner Identität, meiner Familien- und Herkunftsgeschichte. Und den wenigsten war da je klar, noch weniger von ihnen, habe ich das jemals gesagt.

Das sind jedoch Themen und Anekdoten, die ich hier gar nicht anschneiden möchte. Dass ich selbst deutsch bin, weiß ich. Dass ich selbst aber viel Prägung habe, die eben noch mehr ist, als das, dem bin ich mir auch seit einer ganzen Weile im klaren. Ich glaube manchmal, dass manche Menschen gar nicht verstehen, was es heißt, sich anders zu definieren, anders definieren zu müssen. Nicht weil man individuell sein möchte, sondern weil einem in verschiedenen Bereichen seines Lebens das Gefühl gegeben wird, man sei nun einmal anders. Und was das einem in seiner ganz eigenen Identität bedeuten kann.
Was es bedeutet, immer wieder gefragt zu werden, woher man denn komme, und bei einer Antwort, die sich auf Deutschland beziehe, sich mit erneuten Fragen danach, woher man denn wirklich komme, stellen muss. Ich bin, wie gesagt, da gar nicht mal ein krasser Fall. Ich werde nie racial profiling zum Opfer, werde nicht auf meine Hautfarbe angesprochen, nicht als Terrorist gesehen. Aber es prägt einen, wenn man die Herkunftsgeschichte der Eltern erfährt und irgendwann auch versteht, was das bedeutete, die in anderen Ländern, mit anderen Mentalitäten, oft auch mit anderen Zuständen von Kultur, Armut und sozialer Gerechtigkeit zu tun hatten. Vergangenheit, auch wenn man sie selbst nicht erlebt hat, schwingt mit in das Leben, das man seinen Kindern aufbereitet. Unbeschreiblich, auf eine Weise, finde ich. Juden, die den Schmerz ihres Volkes spüren. Junge Männer und Frauen, die um die Leidensgeschichte ihrer Eltern wissen. Ehrgeiz, den man entwickelt, weil man dem dankbar gerecht werden will, was für einen geschaffen wurde. Nicht die gleichen Kinderlieder kennen, wie die Klassenkameraden. Gewohnheiten leben, über die man gar nicht weiß, ob sie nun typisch oder ganz außergewöhnlich sind.







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3 x

  1. Werden Sie Deutscher ;-) http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=47799

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    1. Nur trifft all das ja zumindest auf mich überhaupt nicht zu!

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  2. Liebe Janet,
    wiedermal ein wundervoller Post mit so viel Gedankengängen, dass mein Kommentar auch ein wenig wirr sein wird. Ich bin wie du jemand, der hier geboren und aufgewachsen ist, jedoch mit Migrationshintergrund. Ich stelle mir oft die Frage was ich bin, wo meine Heimat ist und das ganze Zeug :D Ich versuchte mich immer zu definieren weil es andere auch tun. Ich versuchte auf solche Fragen immer die zufriedenstellenste Antwort zu erwidern bis ich mich gefragt habe "Wieso überhaupt?" - ICH war weder zufrieden noch überzeugt davon und ich musste realisieren, dass es nur die Antwort war die andere hören wollten oder um akzeptiert zu werden. Es machte mich aber oftmals wütend und unsicher mich so darzustellen wie ich eigentlich gar nicht bin. Ich bin nicht das Klischee und ich bin nicht das was andere von mir denken möchten. Ich weiß wer ich bin und das kann mir keiner nehmen. Wenn man sich selber akzeptiert, dann tun das auch die Leute die einen vorher skeptisch betrachteten. Ich nehme es keinem übel denn viele wissen auch nicht, dass vieles was sie sagen wirklich rassistisch ist (no offense) weil sie einfach keine Ahnung haben oder es ihnen an Offenheit und Verständnis fehlt. Dass sich da etwas ändert, dürfen wir selbst nicht mit Inakzeptanz und Geschlossenheit reagieren. Wir können nicht erwarten dass sie wissen und auch nicht erwarten dass sie sofort verstehen. Jedoch sollten wir auch nicht die Intoleranz und Inakzeptanz der anderen akzeptieren und drüber hinwegschauen. Ein Land dass nicht nur wegschaut und bedacht ist Probleme zu lösen, das ist ein Land in dem ich leben möchte.

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