Der König, der Weise und der Narr - Der große Wettstreit der Religionen

Religion langweilt. Die Auseinandersetzung mit Religion ist öde, das Bekennen zu einer ist kontrovers und das Thema überhaupt aufgreifen,...


Religion langweilt. Die Auseinandersetzung mit Religion ist öde, das Bekennen zu einer ist kontrovers und das Thema überhaupt aufgreifen, scheint das Gegenteil von einem Eisbrecher zu sein. Man kann sich sicher sein, dass sich jemand entweder angegriffen fühlt, oder genervt und desinteressiert zur Seite sieht, so mein Eindruck. Würde ich für dieses Jahr ein Buch auswählen, von dem ich wollte, dass es jeder in meinem Umfeld liest, dann wäre es (trotz meiner Liebe zu vielen anderen, die ich gelesen habe!) ausgerechnet eines, in dem es um einen Religionsstreit geht. Allerdings sehr anders, als man es erwarten würde.


"Der König, der Weise und der Narr", veröffentlicht im Goldmann Verlag, ist ein Buch, das ich mir früher oder später vielleicht ohnehin gekauft hätte und in seiner Thematik absolut meinem literarischen Beuteschema entspricht. Ein Gedankenexperiment, in dem der fiktive König, ein Weiser und der Narr eines fernen Landes in der selben Nacht einen sehr ähnlichen schrecklichen Alptraum haben und daraufhin zusammenkommen. In dem Land, in dem sie leben gibt es kaum noch Religion,  keinen nachhaltigen Glauben oder Vertrauen, stattdessen hunderte Wahrsager und kleine Splittergruppen. Doch in dem schlechten Traum wird ihnen etwas Schlimmes prophezeit, etwas muss geschehen, um dem entgegenzuwirken. Der König ordnet nach einer Diskussion mit dem Weise an: Es werde ich Zukunft nur noch eine Religion in seinem Land geben. Aber welche bloß? Man muss sie fair auswählen. Mit diesem Beschluss ist der große Wettstreit der Religionen eröffnet, der zum Ergebnis führen soll, welche die beste Religion ist.
Eine Jury wird zusammengetragen, ein Datum und Ort für die Austragung dieser Art der Olympiade gesucht und man überlegt, wie der Wettkampf von statten gehen soll. Die Religionsgemeinschaften werden befähigt, ihren Vertreter selbst auszusuchen. Aber "[w]enn Ihr die obersten Würdenträger einladet, besteht die große Gefahr, dass der Dialog scheitert. Jeder wird wahrscheinlich verschweigen, was an seiner Religion schändlich und problematisch ist", so der Weise zu der misslichen Lage. Man beschließt, relativ junge Vertreter senden zu lassen, die in jedem Falle noch unter 40 Jahre alt sind, die ihre Religion, ihre Entstehung und auch ihre Schwächen offen und kritisch präsentieren können, die gut über ihren Glauben bescheid wissen.

"Wie viele Konkurrenten gäbe es dann wohl?", bohrte der Narr weiter. "Mit den Vertretern aller Religionen, aller Konfessionen, aller neuen religiösen Splittergruppen und aller Sekten befänden sich schließlich mehr Personen am Start als im Publikum!"
"Ich schlage daher vor, erklärte der Weise, "zu diesem ersten 'Oratorischen Spielen' nur die fünf großen traditionellen Religionen einzuladen: die jüdische, die christliche, die muslimische, die hinduistische und die buddhistische. Schließlich steht es uns frei, in einem späteren Jahr auch noch andere Konkurrenten antreten zu lassen."
Die Idee fand zwar den Beifall des Königs, aber nicht den des Narren.
"Ich habe dazu auch noch einen Vorschlag zu machen", sagte er. "Es wäre doch ungerecht, wenn sich bei den 'Oratorischen Spielen' keine Freidenke äußern dürften. Daher bin ich dafür, noch einen sechsten Atheisten antreten zu lassen."
Diese Idee fand beim König und dem Weisen Anklang. Noch am selben Tag wurden die Einladungen an die höchsten Vertreter der fünf oben genannten großen Religionen sowie an den Internationalen Freidenker-Verband verschickt. 

Und so kommt es, dass sechs Männer aufeinander treffen, sich vorstellen und verteidigen, Anschauungen erklären und um die Stimmen der Jury buhlen. Darunter der Scheich und Imam Ali ben Ahmed für den Islam aus Ägypten, Doktor Christian Clément aus der Schweiz für das Christentum, der Delegierte der Juden, Rabbiner David Halevy aus Israel, für die Delegation der Hindus, Swami Krishnanda aus Indien, sowie der Lehrmeister und Mänch Rahula aus Sri Lanka für die Delegation der Buddhisten und zuletzt der französische Professor Alain Tannier, stellvertretend für die Atheisten.
Neben dem Wettkampf selbst, der sehr klar strukturiert ist und sich in keine langen, langeweiligen und komplizierten Ausschweifungen der Religionsvertreter verliert, passiert noch einiges in Form einer Rahmenhandlung, die auf sachte Weise ein wenig Spannung und Spaß in die Fabel bringt:



Ein Ausfälliger wird verhaftet, Religionen bekämpfen sich, zeigen ihren Hass, ihre tiefe Liebe und ihr Vertrauen. Sie erklären, wie sie mit dem Leid in der Welt umgehen und wie sie es sich erklären. Private Geständnisse werden herausgelockt, ein Kriminalfall entwickelt sich, als sich ein Gewaltakt ereignet und eine heimliche Liebesandeutung schleicht sich in das Geschehen.


Shafique Keshaviee, Autor und Theologe, schreibt sehr simpel und verständlich, aber genau in den Worten, die er liebevoll präzise nutzen will, um den Hintergründen und Inhalten der Glaubensgemeinschaften Raum zu geben. Vielleicht gar nicht so schlecht für diese Zeit, in der wir leben, in der jeder glaubt, Religion(en) verstanden und abgehakt zu haben und darum zu wissen, wofür sie stehen und welche friedlicher, größer oder besser ist, sodass es der Autor schafft, dass ich diese kleine Fabel liebe.


Dass am Ende nicht ganz klar eine der Religionen (oder die Nichtreligion) gewinnt, scheint voraussehbar. Nichtsdestotrotz lohnt es sich aus vielerlei Hinsicht, diese Fabel zu betrachten und auf sich wirken zu lassen. Schon die Idee dieses Buches fand ich fantastisch. Nicht bloß im wahrsten Sinne dieses Wortes, sondern begann mit großem Interesse, es zu lesen. Ich habe mir im Verlaufe dieses Buches einige Fragen gestellt - die über die Fragen im Buch noch hinausgingen - und auch einiges dazu gelernt, was mir überhaupt nicht bewusst oder bekannt war, von dem ich zuvor (in der Form) nicht gehört hatte. Vielleicht, weil man heute persönlich kaum noch im Austausch ist, der von Religion handelt? Mir gefiel es, wie strukturiert, wie sachlich und wie einfach das ganze Buch geschrieben war, obwohl es eine solche Komplexität an Themen behandelte.
Ich mochte die verspielte und humorvolle Art und Weise, wie das ganze Geschehen beschrieben wird, wie sich der Wettstreit zuträgt – die Delegierten nach den Vorträgen in eine Art von Mensa gehen, um gemeinsam zu essen, obgleich sie natürlich sehr unterschiedlich zubereitete Mahlzeiten zu sich nehmen – die Leichtigkeit in der dieser Roman beschrieben wird, obwohl es ein ebenso ernstes und kontroverses Buch hätte sein können. Es ergreift keine Partei, es will den Leser nicht missionieren, es schafft Verständnis für Haltungen und in unauffälligen Zeilen macht es ironisch auf ein paar Besonderheiten aufmerksam. Man versteht, was die Delegierten, geprägt von ihrer Religion, von ihrer Herkunft und ihrer Lebensgeschichte, voneinander halten und wie sie als Personen mit jeweiligen Hintergründen überhaupt zu ihren Anschauungen gekommen sind.

"Eine geistreiche und schwungvoll erzählte Fabel über die großen Religionen der Welt. Was "Sofies Welt" für die Philosophie ist, ist diese wunderschön erzählte Fabel für die Religionen der Welt. Es beginnt wie im Märchen. Von seltsamen Träumen beunruhigt, befolgt der König eines fernen Landes den Rat seines Weisen und seines Narren und lässt den ersten großen Wettstreit der Religionen einberufen. Sein Volk braucht eine Religion. Doch welche? Wie soll das entschieden werden? Sorgfältig ausgewählte Repräsentanten der Weltreligionen und des Atheismus treten nun an, dem König und seinem Volk die Besonderheiten der eigenen Glaubensrichtung vorzustellen und zu empfehlen."

Meine allerliebste Person bleibt Alain Tannier. Obwohl ich mich selbst nicht als Atheisten sehe, konnte ich mich mit seinen Kundgaben und auch mit seinen Anklagen am meisten identifizieren, obwohl ich sie nie in einer solchen Art zuende denken würde, wie er es tat.

Second Hand findet ihr das Buch für sehr wenig Geld zum Beispiel hier oder hier oder hier. Über ebay für noch weniger hierhier , hier, hier oder hier, hier, hier.


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