Von Königen und Katholiken

Mein Stapel ungelesener Bücher ist vielleicht so groß, wie er noch niemals zuvor war. Aber so ganz genau weiß ich es nicht, denn erstmals...


Mein Stapel ungelesener Bücher ist vielleicht so groß, wie er noch niemals zuvor war. Aber so ganz genau weiß ich es nicht, denn erstmals habe ich diese noch inhaltlich unbekannten Exemplare zu einem tatsächlichen Stapel geformt. Wenn ich neue Bücher kaufe und sie nicht sofort lese, dann landen sie zumeist in meinem Regal, wo ich sie sehr oft übersehe oder gar vergesse. Zumal die Freude, ein neues Buch zu kaufen, so groß ist, dass ich zu oft schwach werde und entgegen jeder Vernunft neue Romane und Sachbücher kaufe, obwohl ich  längst keinen Überblick mehr über die habe, die ich doch ebenfalls noch nicht kenne. Jetzt jedoch, habe ich sie mal alle aus dem Regal gezogen und übereinander gestapelt, neben meinen Schreibtisch gelegt.
Ich weiß nicht, wie andere das tun, doch bin ich meiner Buch-Reihenfolge-Lese-Systematik immer recht treu. Auf meinem Nachttisch (ggf. aber auch in der Tasche, die ich gerade mit mir herumtrage) liegen immer in etwa fünf Bücher, die ich gerade gleichzeitig lese. Und daneben, zwischen Vanilleduftkerze und Schleierkraut in Glasvase umzingelt, liegt ein Stapel von etwa fünf weiteren Büchern, die ich noch nicht angefangen habe, denen ich mich  jedoch widmen werde, wenn ich die jetzigen beendet habe. Und so geht das immer weiter und bei einem fertigen Buch, ziehe ich ein anderen noch ungelesenes Buch aus meinem Regal und lege es auf den Wartstapel neben meinem Bett, während von diesem Stapel wieder eines in mein Bett oder meine Unitasche wandert. Rotation! 

Eines der Bücher, das ich auf diese Weise wiedergefunden habe, ist Liebesbriefe großer Frauen, herausgegeben von Sabine Anders und Katharina Maier. Entgegen der männlichen Form, die im Sex and the City Film vorkommt, ist diese Ansammlung an Liebesbriefen jedoch nicht so leicht zitatfähig oder instaworthy, teilweise auch nicht gut zugänglich, finde ich. Viele Figuren wie Jakobäa von Baden-Baden, Charlotte von Kalb oder Rahel Levin die dort ihre Liebe beschreiben oder gestehen, sind keine Figuren der Geschichte, auf die man bereits fasziniert blickt, sondern erscheinen in ihrem tatsächlichen historischen Kontext. Keine Frida Kahlo mit bunten popkulturellen Illustrationen drumherum und auch sonst ein paar Frauen, bei denen viele zur der Frage "Entschuldigung, wer?" hingerissen wären. Allerdings auch Marie Antoinette, Emily Dickinson, Rosa-Luxemburg oder die Frauen Schlegels, Schellings und Goethes. Zwei Frauen, die jedoch unmittelbar (zumindest meine) Aufmerksamkeit bekamen, sind Katharina von Aragon und Anne Boleyn. Allein schon unglaublich interessant, wie beide der Frauen Henry einen Liebesbrief zu einem Zeitpunkt schreiben, an dem er sie längst verstoßen hat, und wie die Persönlichkeit der Frauen (wer beruft sich auf Gott, wer bittet, wer fordert, wer erwähnt seinen eigenen Namen sehr oft, wer den, des Herrn und Henrys) in diesen Texten zum Vorschein kommt.
Und plötzlich, plötzlich war ich wieder drin, im Leben der Tudors und in Faszination verschiedener Königinnen, der Zeit, in der sie lebten und in Kopfschütteln eines Königs, der mir nur noch Rätsel aufgibt. Ich las sämtliche Wikipediaeinträge (wie Profis das so tun) und Artikel, die ich online finden konnte. Und dann musste es unweigerlich geschehen: Ich habe die Serie Tudors wieder angefangen.




Die Tudors als Serie dreht sich rund um König Henry VIII. und all den politischen und persönlichen Beziehungen um ihn herum, ein drohender Krieg, der Lordkanzler Kardinal Wolsey und Thomas Morus, die ihn zur Unterzeichnung eines universellen Friedensvertrages für ganz Europa führen wollen und all die Frauengeschichten, für die er heute ebenfalls so berühmt ist.
"Divorced, beheaded, died, divorced, beheaded, survived" so benennt man das Schicksal der sechs Ehefrauen Heinrichs VIII. wie einen lustigen Abzählreim. 

Jonathan Rhys Meyers, den ich damals schon anhimmelte, als er den unnahbaren Trainer bei Kick it like Beckham spielte, als launischer König Henry VIII. der in seinem Leben ganze sechs Ehefrauen haben wird.  Maria Doyle Kennedy als Königin Katharina von Aragon als demütige, gläubige, bis zuletzt liebende und gedemütigte Ehefrau Henrys und zuschauen muss, wie ihr Mann, der König, eine neue Mätresse nach der anderen hat und ihr selbst keine Blicke mehr würdigt. Bis Lady Anne Boleyn (Natalie Dormer) auftaucht, die die gesamte Aufmerksamkeit des Königs auf sich zieht, sich jedoch nicht als eine Mätresse hingeben will. Aus ihrer Zeit am Hof in Frankreich weiß sie nämlich, wie es mit den Mätressen am Hofe zugeht, haben sie einmal die Gunst des Liebhabers verloren, haben sie nicht nur ihre Jungfräulichkeit, sondern damit auch jegliches Ansehen verloren.





Und so, meine Damen und Herren, kommt es zur Abspaltung Englands und der katholischen Kirche. Anne will nur dann mit dem König schlafen, wenn sie auch seine Frau wird. Der König will sie zur Frau nehmen, muss sich dafür jedoch von Katharina scheiden lassen, was nicht möglich ist.
Die Ehe des Königs und seiner ursprünglich spanischen Frau Katharina wird auf ihre Legitimität geprüft. Zuvor war sie nämlich für kurze Zeit die Frau seines Bruders Arthur, der jedoch schnell verstarb und sie beschwörte, dass die Ehe zwischen ihnen, nie vollzogen wurde. Henry sieht darin Problem und Lösung zugleich. Er lebe entgegen Gottes Gesetz, weil er die Frau seines Bruders zur Frau nahm und auch aus diesem Grund ohne männliche (und das ist ja das einzig wichtige) Thronfolger blieb. Der Papst persönlich erklärt dieses Vorhaben als unrechtens, da es nicht dem Gesetz Gottes folge, sondern nur dem persönlichen Interesse des Königs, nach Gelüsten nach seiner Hure, entspräche. Henry ist sauer und beeinflusst von den Reformationsgedanken und Kirchenkritikern in Deutschland und Umgebung und wendet sich von der Kirche ab. Nicht der Papst und der Klerus mache die Gesetze, sondern er selbst, gar als eigentlicher Vertreter Gottes, habe die Macht, dies zu tun. Henry bricht mit Rom und ruft die Anglikanische Kirche ins Leben, Königin Katharina wird vom Hofe verbannt und Anne Boleyns Weg ist frei, nun die Königin an Henrys Seite zu werden, wozu sie ihr Vater federführend immer wieder überredete. Das die Kurzfassung. Und da es eine historische Begebenheit ist, glaube ich auch nicht, dass das ein sonderlicher Spoiler war.



"Man meint, eine Geschichte zu kennen, aber man kennt nur ihren Ausgang. Um den Kern der Geschichte zu verstehen, muss man an ihren Beginn zurückgehen."



Ich weiß gar nicht, ob ich sagen würde, dass die Tudors eine sehr gute Serie ist. Vermutlich nicht. Einige Dinge und Geschehnisse finde ich sehr platt, obgleich ich einige Schauspieler sehr gut finde. Natalie Dormer sowieso. Aber auch einige der Nebenrollen. Würde man die Serie zu jetziger Zeit nochmals in einer großen Netflix oder HBO-Produktion aufnehmen, wäre sie mit Sicherheit um einiges besser. Allerdings liebe ich die Tatsache, dass und auch wie diese historische Periode versucht, künstlerisch und dramatisch festgehalten zu werden. Die Serie ist voller Intrigen, Machtspielen, historischem Kontext und Sex. Von strategischen Plänen der Vertrauen des Königs, von denen niemand weiß und von lustvollen Nächten des Königs und seiner Freunde, von denen jeder weiß, auch ihre Frauen. Setting und Kostümbild sind so faszinierend und berauschend wie keines der Portraits, die ich aus dieser Zeit kenne und ich liebe die kleinen Referenzen an Kunst und Kultur, die sich hie und da einschleichen. 

Dazu ist vielleicht auch zu sagen, dass ich in einer Beziehung bin, in der mein Partner völlig ohne Ironie Sätze wie "Wenn ich nur an die Reformation denke, bekomme ich Gänsehaut!" sagt und der es als ganz normale Allgemeinbildung begreift, zu wissen, wann welche Länder, welche Schlachten gewannen und verloren, dass es buddhistische Griechen gab und auch sonst all die Dinge, von denen ich im Geschichtsunterricht nie etwas hörte. Und so sitzen wir da, schauen uns Krönungen, Tötungen und das Konspirieren vermeintlicher Freunde an und ich höre nicht auf über Thomas Morus zu sprechen: "Der hat Utopia geschrieben. Das musst du dir mal vor Augen führen, der hat einfach mal UTOPIA GESCHRIEBEN!" und lasse mich so von dieser Annäherung an Themen verblenden, die ich liebe, dass ich fast vergesse, dass Sir Thomas More zwar heilig gesprochen wird, aber auch ein Dutzend von Protestanten verbrennen lässt. Wie einfach alle, so fortschrittlich sie in Zukunftsvisionen, feministischen oder politischen Vorhaben, sie auch sein mögen, dennoch Produkte ihrer Zeit sind und bleiben. 









You Might Also Like

0 x

COPYRIGHT


Soweit nicht anders angegeben, unterliegen alle Texte und Fotos dem Urheberrecht.
Eine Vervielfältigung oder Verwendung dieser und deren Veröffentlichung ist nur nach vorheriger Genehmigung gestattet.
Ich distanziere mich hiermit von den Inhalten verlinkter Seiten.

© 2016, janetki@web.de

DISCLAIMER