Read & Watch: Mord im Orient Express

Ich liebe Detektivgschichten. Bereits als Kind mochte ich Geschichte von Kinderdetektiven, die auf unrealistische, aber so nachvollziehbare...

Ich liebe Detektivgschichten. Bereits als Kind mochte ich Geschichte von Kinderdetektiven, die auf unrealistische, aber so nachvollziehbare Weise große Verbrechen lösten, ich mochte Sherlock Holmes, liebte die moderne Serienadaption und als Kind wollte ich meinen Hamster Miss Marple nennen. Nach der Kinderfaszination des Unlösbaren blieb noch immer die Neugierde und der Spaß an dem, was ich heute als lösbar(er) begreife. Ich liebe es, eine Geschichte zu verfolgen und zu erahnen, was passieren wird und wer dafür verantwortlich ist. Selbst mitgehen in die Welt, in der Mysteriöses geschieht und gemeinsam mit dem scharfäugigen Protagonisten Hinweise sammeln: Auf Blicke, Momente und Aussagen achten und vielleicht gemeinsam auf eine Lösung kommen oder sich mindestens zufrieden darüber freuen, welch ein gewieftes Geheimnis hinter einem Fall steckte. Natürlich musste ich mir Mord im Orient Express sofort im Kino ansehen. Bereits 1974 wurde der Roman von Agatha Christie aus dem Jahr 1934 verfilmt, für den Ingrid Bergmann sogar einen Oscar bekam. In diesem Jahr legt eine Neuverfilmung des Kriminalklassikers nach und präsentiert den Mord im Orientexpress mit einer gewaltigen Starbesetzung in stimmungsvoller Kulisse.


Der Meisterdetektiv Hercule Poirot ist berühmt für seinen Verstand, sein deduktives Schließen und seine Genauigkeit. Er ist der vielleicht größte Detektiv der Welt und davon ist er sogar selbst überzeugt. Nach seinem letzten Fall in Jerusalem sehnt der gefragte Meisterermittler sich nach Ruhe, abseits immer neuer und neuer Fälle, die er zu lösen hat und reist spontan, mit einem Freund, im Orientexpress von Instanbul nach Paris. An Bord befinden sich eine Reihe sehr verschiedener hochkultivierte Mitfahrende: Eine freundliche und gebildete Gouvernante, eine religiöse Missionarin, eine adelige Prinzessin und ihre Bedienstete, ein rassistisch anmutender Professor, ein Arzt auf Durchreise, eine Witwe, ein Sekretär, ein Graf und eine Gräfin, der pflichtbewusste Schaffner, ein kubanischer Verkäufer und ein amerikanischer Geschäftsmann. Letzterer sieht sich in Gefahr und bittet Poirot darum, für ihn zu arbeiten und ein Auge offen zu halten. Poirot lehnt jedoch ab.
Als der Zug in ein Schneetreiben gerät, entgleist und sich am nächsten Tag herausstellt, dass ein Passagier ermordet wurde, verpflichtet dies Poirot jedoch zu seinen Ermittlungen. Denn der Täter muss einer der dreizehn Fremden im Orient Express gewesen sein. Jeder von ihnen entpuppt sich als verdächtig und während daran gearbeitet wird, dass der Zug (stehen geblieben aufgrund einer Lawine, die ihn zum Entgleisen brachte) weiterfahren kann und bevor noch ein weiterer Mord geschehen kann oder der Täter flüchtet, kämpft der Meisterdetektiv gegen die Zeit und widmet sich dem Rätsel. Der Mörder muss noch an Bord sein. Wer war es und was war sein Motiv?

Das namhafte Ensemble umfasst unter anderem Kenneth Branagh, Johnny Depp, Daisy Ridley, Michelle Pfeiffer, Judi Dench, Penélope Cruz, Willem Dafoe, Derek Jacobi, Josh Gad und ihre Leistung bleibt nicht ungesehen. Ich liebe die Stimmung und die geistreiche Haltung des Filmes, obwohl die erste Hälfte des Filmes in einem positiven Sinne sogar witziger und auf amüsante Weise seichter ist, als ich es vermutet hätte. Der Film bewegt sich irgendwo zwischen stilvoll historischem Anna Karenina, gemütlich grandiosem Disney und einem menschgewordenem Cluedo Spiel. Und das wäre für mich die perfekte Beschreibung für einen Film, den ich in der kalten und dunklen Jahreszeit sehen möchte.




Zwar muss ich sagen, dass der Film unter meinen Erwartungen blieb, jedoch gleichzeitig gestehen, dass diese recht hoch waren und ich ihn dennoch auf jeden Fall weiterempfehle. Drei meiner Kritikpunkte wären folgende: (keine inhaltlichen Spoiler!)
1. Die Effekte sind nicht überzeugend. Der Film lebt von der Stimmung, sodass man nicht bloß eine Handlung verfolgt, sondern eingeladen ist, einer Geschichte beizuwohnen. Nicht zuletzt wird insbesondere in diesem Film das auch durch Kostümdesign und Kulisse und Setting geschaffen. Während das Kostüm und auch das Interieur des Orient Express selbst (für meine Laienaugen) authentisch und stilvoll atmosphärisch erscheinen und man sich in einen dieser alten Nachtzüge wünscht, in denen man in einer Art Hogwartsmarnier durch Schneelandschaft vorbeizieht, überzeugt ebendiese nicht. Jede Aufnahme vom Zug selbst, der durch die Landschaft fährt, Schnee aufwirbelt oder entgleist erinnert mich eher an Polarexpress und Frozen.
2. Mein Hauptpunkt an Kritik: In der zweiten Hälfte des Filmes, im Zuge einer immer intensiveres Annäherung an den Täter lässt der Spannungsbbogen leider sehr nach. Ich verstehe die Entscheidung, nicht zwangsläufig durch Volumen und Dichte an Gewaltpunkten Spannung aufrecht erhalten zu wollen, jedoch vergreift sich das Storytelling in eine komische Spirale, sodass das Ende und auch die Auflösung irgendwie überraschend schnell und langezogen gleichzeitig daherkommen. Irgendwie seltsam. Nicht schlecht, aber ungewohnt seltsam.
3. Ein Aspekt, den ich bereits am Trailer des Filmes geliebt habe, ist die Charakterisierung und Rollenzuweisung. Wer war es? Der traurige Butler? Die hochgläubige Missionarin? Ich mag es, dass den Figuren ganz bewusst Rollen und eigene Geschichten zugeordnet werden. Und davon gibt es einige. Schade fand ich, dass nicht auf jede Person eingegangen wird, wie ich es mir intuitiv gewünscht hätte. Manche Figuren werden komplett vernachlässigt, manche erst zu spät in den Dialog involviert, obwohl sie solch interessantes Potential hätten.
- Diejenigen, die den Film mit mehr Spanungspunkten sehen wollen, sollten sich die Verfilmung von 1974 ansehen und diejenigegen, denen es nicht tief genug in die Charakterisierung geht, könnten vermutlich den originalen Kriminalroman von Christie lesen. Das steht jetzt nämlich auch auf meiner Liste.

Man schwebt in einer angenehm einladenden opulenten 1930er Nostalgie. Man möchte auch in einem der kleinen Schlafabteile schlafen, einen Whiskey mit den interessanten Gästen trinken und ein Stück Torte im Speisewagen verzehren. In der Neuverfilmung werden symbolische Bilder inszeniert, die nicht erst in der Endszene offensichtlich werden und Wirkung entwickeln. Was als luxuriöse Zugfahrt durch Europa beginnt, entwickelt sich schnell zu einem stilvollen, spannenden und reflektierten Mysterium, das sich in vergangene Schicksalsschläge und potentielle Motive verstrickt, die uns nicht sofort vor die Augen gelegt bekommen, obgleich wir ein wenig mitkombinieren können. Eine Geschichte über einen Mord. Eine Geschichte über Gerechtigkeit und Vertuschung, letzlich über Vergeltung.




- MEHR VON AGATHA CHRISTIE -

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