Über Beauty Standards

Beauty wird uns wichtiger. Kann das sein? Was nun tatsächlich oder ganz persönlich "schön" ist und was nicht, will ich hier gar n...

Beauty wird uns wichtiger. Kann das sein? Was nun tatsächlich oder ganz persönlich "schön" ist und was nicht, will ich hier gar nicht diskutieren. Ich will jedoch eine Überlegung offen legen, über die ich mir ein klein wenig den Kopf zerbrochen habe und von der ich nicht weiß, ob sie überhaupt stimmt. Tell me.



Erinnert ihr euch noch an Zeiten, wo sich niemand um seine Augenbrauen geschert hat? Bevor man Cara Delevigne kannte und man die Haaransammlung zwischen Augenlidern und Stirn höchstens in dünnere Linien zupfte, für die man sich auf alten Fotos nun schämte, aber niemals extra Produkte für sie besaß? Hätte man mir, als zwölfjähriges Mädchen von meiner kosmetischen Daily Routine der Zukunft erzählt, die an den faueleren Tagen nur daraus besteht, mein Gesicht mit Concealer zu bearbeiten und meine Augenbrauen zu machen, wäre ich verwirrt gewesen. Wimpertusche kannte ich, Lippenstift, Puder und Rouge. Aber was sollte man denn an den Augenbrauen schminken? Die sind in der Regel doch schon da?
Ich erinnere mich an Zeiten, in denen es Conturing überhaupt nicht gab und niemand aus meinem Freundes und Bekanntenkreis auf die Idee kam, sich im Alltag so etwas wie Highlighter oder künstliche Wimpern aufzutragen oder etwas mit seinem Gesicht zu machen, was übersetzt "backen" bedeutet. Jetzt wiederum würde ich alerdings niemals mehr auf die Idee kommen, mir glänzenden Lipgloss auf den Mund zu schmieren oder bestimmte andere Dinge zu tun, die ich vor Jahren noch getan hätte (wie komisches Make-Up-Mousse auf meinem Gesicht zu verteilen). Und das heißt nicht, dass ich glaube, damals überhaupt keinen Geschmack gehabt zu haben. Es hat auch nicht unbedingt damit zu tun, dass ich jetzt zwar mehr Geld für Produkte habe, allerdings weniger Zeit und Lust, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Worauf ich damit eigentlich hinaus will ist der Trendwechsel (in) der Beauty Industrie. Es gibt Zeiten, in denen bestimmtes Make-Up oder Styling aktuell in und auch einige Produkte gefragt sind. Und davon lassen wir uns beeinflussen. Und nicht nur diese Trends wechseln von Saison zu Saison, unmerklich mit all den Stars, den Modelinien und popkultuellen Einflüssen, sondern auch der Stellenwert, dem wir Beauty an sich zuschreiben. Und ich will fast schon bewusst "Beauty" sagen, denn das ist für mich komischerweise nicht bloß die Übersetzung von Schönheit, sondern mit Kommerzialisierung verbunden.

Als Lindsay Lohans Figur in Mean Girls sieht, wie sich Regina und ihre Freundinnen vor dem Spiegel betrachten, wird ihr plötzlich etwas klar: "Ich dachte immer, man könnte nur zu dick oder zu dünn sein, aber allem Anschein nach kann an unserem Körper eine ganze Menge nicht stimmen."

"Oh Gott, meine Hüften sind riesig!".
"Oh bitte! Ich hasse meine Waden!"
"Ihr könnt wenigens rückenfrei tragen. Ich hab Schultern wie ein Mann!"
"Meine Haare machen, was sie wollen."
"Meine Poren sind gigantisch!"
"Meine Nagelbetten sind eklig", führen Regina und ihre Freundinnen weiter aus.

Mit einem neuen Augenmerk an potentiellen Problemzonen oder zumindest Bereichen, die noch hübscher und besonderer gemacht werden können, werden Bedürfnisse geschaffen. Und letztlich dient dies einer Industrie, die gerade wächst und wächst. Wir haben ganze Dienstleistungszweige zum Boom gebracht. Allein in der Wuppertaler Innenstadt, wo ich herkomme, sprießen mehr und mehr Drogeriefillialen, obwohl sich die Menschenpopulation in dieser Großstadt nicht gerade verändert hat. Was jedoch zugenommen hat, ist die Priorität von Kosmetik und auch kosmetischer Behandlung. Und wenn man all die kostenlose Werbung für all die Beautykonzerne auf Youtube und co betrachtet, die in Drogerie-Hauls voller Tüten zelebriert werden oder wurden, könnte man sich fragen, was zuerst das war, Henne oder Ei? Beauty-Gurus oder Beautywahn-Norm?

Und tatsächlich könnte man sich vorstellen, wie junge Frauen, die aus einer ganz anderen Welt kommen, verwundert bis verwirrt dreinschauen würden, beobachteten sie uns dabei, wie wir uns zurechtmalen und zupfen und an uns zweifeln oder glauben, zu brauchen, obwohl doch (so weit sie das erkennen können) alles am richtigen Ort ist und seinen Zweck erfüllt: Die Nase riecht, der Mund kann schmecken, die Beine tragen, die Augen sehen, die Brüste können theoretisch Kinder nähren und auf dem Po sitzen ist auch recht bequem. What's the matter?

Ich verstehe es. Ich sehe gerne "gut" aus. Ich schminke mich fast täglich. Ich ziehe mich gerne an und mir macht es Spaß, mich so zu kleiden oder zu schminken, dass es nach außen hin etwas repräsentiert, was ich glaube, zu sein. Dinge mit meinem Äußeren tun, die mir gefallen und mich zu pflegen. Ich habe zwei Kleiderstangen voller Blusen, Kleider und Jumpsuits, eine Schublade mit mehr Make Up, als ich in zwei Jahren verbrauchen könnte und einen Badezimmerschrank mit Produkten, die mir weiche, gepflegte Haut oder voluminöses Haar versprechen.
Eine Youtuberin erzählte irgendwann mal in einem Video, wie Make Up für sie eine Kunstform ist und sie es liebt, neue Dinge damit zu probieren und sich davon inspirieren zu lassen. Und das klingt so nachvollziehbar und interessant, wenn sie das mit dieser Hingabe tut. Aber für mich ist es das nicht, kein Hobby, kein Interessengebiet. Ich bin kein Make-Up-Artist, das ist nicht mein Beruf und auch nicht meine Leidenschaft. Ich kann mich nicht Stunden damit beschäftigen, habe keinen Spaß daran, neue Produkte zu finden und zu testen. Ich will einfach das eine Produkt, was ich nunmal will und wenn ich es gefunden habe, dann hole ich mir erst ein Neues, wenn es leer ist. Ich muss nicht auf dem neuesten Stand des Drogerieinventars sein, wenn ich von der Drogerie oder diese Marktforschung nicht bezahlt werde. Und ich will überhaupt nicht wissen, welche Produkte die Beautymarken neu herausgebracht haben und was der Hit auf dem Markt ist, wenn ich sie selbst gar nicht nutzen will.

"The world is increasingly designed to depress us. Happiness isn't very good for the economy. If we were happy with what we had, wh would we need more? How do you sell an anti-ageing moisturiser? You make someone worry about ageing. [...] How do you get them to have plastic surgery? By highlighting their physical flaws. How do you get them to watch a TV show? By making them worry about missing out. How do you get them to buy a new smartphone? By making them feel like they are being left behind.To be calm becomes a kind of revolutionary act. To be happy with you own non-upgraded existence. To be comfortable with our messy, human selves, would not be good for business."
- Matt Haig, aus Reasons to stay alive

Und dann denke ich an Filme aus meiner Kindheit. An das Bild einer Figur der reichen Dame, die sich die Nägel in einem Studio machen lässt und Nachmittage bei der Kosmetikerin verbringt, die man als Kind irgendwie albern und affektiert (hätte ich g ewusst, was das heißt) fand. Und das ist plötzlich kein weit entferntes Szenario mehr. Auch das Supermodel, dessen Beruf es ist, auf eine bestimmte Weise auszusehen und das sich deswegen mit all diesen Dingen beschäftigt, wird mit dem Strandfoto verglichen, das auch wir hochladen.
Die Priorisierung des Äußeren ist nicht mehr ihnen, denen, die sich auf ihre Schönheit verlassen müssen, vorbehalten. Wir lassen uns für einen Zwanziger Shelllac auftragen und wenden den Ernährungs- oder Sportplan eines Lingerie- und Fitnessmodels auf uns selbst an. Zumindest mental in Gedankenexperimente. Plötzlich setzen wir uns damit auseinander. Wir wenden andere Standards an, glaube ich irgendwie. Oder spüre nur ich das? Nicht bloß, weil wir nicht mehr Kinder sind, sondern weil wir uns inmitten von all diesen Einflüssen und Erwartungen befinden. Es ist wichtiger, gut auszusehen (was auch immer das ist) und da geht es auch nicht mehr bloß um dick oder dünn oder um geschminkt oder ungeschminkt, sondern um nahezu jede Facette des Körpers, die sich bearbeiten oder tunen lässt. Ich könnte die willkürliches Körperstellen oder Körperteile nennen und mir würde bei den meisten etwas auffallen, was man theoretisch ändern und schöner machen könnte, von dem ich sehr lange Zeit überhaupt nicht wusste, dass es ein schöner und weniger schön überhaupt gibt. Nehmt ihr das auch so wahr? Oder ganz anders?

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1 x

  1. Ich danke dir für diesen Text! Das Thema Schönheit (oder eben Beauty) treibt mich auch schon eine Weile um. So klar formuliert habe ich meine Gedanken und Beobachtungen aber noch nicht wirklich.
    Wenn man einmal einen Schritt zurückgeht und sich diese Welt der Aufbesserunsprodukte und -maßnahmen betrachtet, die da um uns herum existiert, kann einem schon etwas schlecht werden, finde ich. Weil, diese Beautyindustrie macht irgendwie ganz schön viel kaputt: mal vom offensichtlichen Aspekt der Umwelt abgesehen, geht super viel Vielfalt verloren. Schönheit ist eine Norm und wer ihr nicht ("glücklicherweise") angeborenerweise entspricht, versucht alles Mögliche, um sich doch einreihen zu können. Um "schön" zu sein. Große Augen, kleine Nase, dicke Augenbrauen. Und in der nächsten Saison sehen alle irgendwie anders aus - aber immer noch ganz schön gleich.
    Und was nicht noch alles reinspielt: Geschlecht etwa. Frauen und Männer müssen unterschiedliche Standards bedienen. Menschen, die gar nicht in diese Zwei-Geschlechter-Ordnung passen sind sowieso irgendwie außen vor. Oder: Geld. Wer kann sich Schönheit überhaupt leisten? Undsoweiter. Frustrierend, finde ich. Oh, und natürlich Social Media. Die Generation der ständigen Selbstpräsentation ist am Start. Bestimmt ein sehr großer Faktor für das Erstarken des Beauty-Sektors.
    Ich finde deinen Aspekt des Glücks total wichtig (und auch das Zitat sehr passend!). Die Konsumgesellschaft in a nutshell.
    Aber die wichtigste Frage steht ja noch aus: Wie kann es anders werden? (Und was soll dieses "anders" sein?)

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