Gelogenes Lob - Warum die Kritiker zu wohlwollend mit Ersan Mondtags 'Das Internat' sind

Eine Spirale des Grauens sei der Abend in Dortmund gewesen, erneut ein unendlicher Loop der Gewalt. Das legen die sich permanent drehende B...

Eine Spirale des Grauens sei der Abend in Dortmund gewesen, erneut ein unendlicher Loop der Gewalt. Das legen die sich permanent drehende Bühne und das Geschehen darin des aufbegehrenden Internatsschülers, der gegen seine Peiniger revoltiert, und Opfer und Täter schließlich Rollen tauschen, nahe. Das greift jedoch nur das Offensichtlichste auf. Tatsächlich ist der Umgang mit Zeit und Raum überhaupt das einzig Interessante an dem Stück. „Das Pendel schlägt zurück“ und die Schauspieler bewegen sich größtenteils rückwärts. Die Zeit verläuft in Form einer Parabel, kehrt sich eben tatsächlich um und macht Täter zu Opfern zu Tätern. Aber reicht das für Theater, einem Schauspieler ein Problem zu geben, sei es, dass er mit geschlossenen Augen spielen muss oder eben rückwärts?

Foto: Ersan Mondtag

Es sind nur zwölf Seiten Text, die Alexander Kerlin und sein Assistent Matthias Seier geschrieben haben, teils Klischees, teils romantische Lyrik. Die Schauspieler sind nur Körpermaterial, hineingestellt in eine Phantasie, was wie ein Gewaltakt der Regie im Alleingang wirkt. Die Schauspieler in eine selbst gebaute Bühne zu choreographieren, hat wenig mit künstlerischer Ensemblearbeit zu tun.
Die Bühne entwickelt eine monotone, wenn auch soghafte Alptraumhaftigkeit, die an die Bilder eines Kindes erinnern, das es zu psychotherapeutischen Zwecken malt. Und den sich permanent drehenden Raum, in dem Dinge gleichzeitig passieren, hat man besser schon bei Simon Stones „Drei Schwestern“ gesehen (abgesehen vom innovativen Umgang mit dem Bühnenraum hat dieser Abend mit dem beschriebenen natürlich nichts gemein.)
Die Kostüme, ebenfalls von Mondtag, seien expressionistisch, aber nur mit viel Wohlwollen lassen sich höchstens neorealistische Züge à la Lucian Freud erahnen. Die Körperlichkeit zweier Schauspieler in ihrer Nacktheit auszustellen, ist weder originell noch wirkungsvoll.
Auch musikalisch gibt es Kritik: Tommy Finke hat gute Musik geschrieben und ausgewählt, das ist unbestritten, aber was an Menge in der Borderline Prozession sinnvoll, ja sogar nötig war, um zum Gesamteindruck des überforderten Subjekts beizutragen, ist hier ausschließlich zu viel.
Die entstehenden Eindrücke sind keine „bildgewaltigen“. Hat man einmal die Bildsprache des traumatisierten Kindes, des schlechtes LSD-Trips, was auch das quälend langsame Erzähltempo untermalt, verstanden, -und das geht sehr schnell, denn kein Alptraum-Topos wird ausgelassen, von der SS- Uniform bis zu Bäumen und Zinnen im Dunkeln- ödet der Abend lediglich an. Die eigentlich interessante Premiere des Wochenendes in Dortmund war Orlando nach Virginia Woolf in der Regie von Laura N. Junghanns im Studio.

Nur weil Ersan Mondtag der Shootingstar am deutschsprachigen Theaterhimmel ist, jung, dazu aus Neukölln, migrantisch, kein gerader Werdegang, heißt das nicht, dass man in der Kritik an seiner Theaterarbeit nicht auch ehrlich sein sollte. Schlechtes Theater sollte man auch als solches benennen dürfen. Ein Name kann keine Erlaubnis zum Freischuss sein, kritiklos alles annehmen zu müssen, was erwartet wird. Ein Name ist nicht gegen Kritik gefeit. Es geht nicht darum, Ersan Mondtag zum Opfer der Medienmaschinerie zu machen, sondern viel eher darum, ihn genau davor zu bewahren. Je mehr er durch Kritik, die nicht mehr weiß, was sie sagt, die nur nachplappert, was man hätte sehen sollen, was man mit viel Phantasie angelegt hätte sehen können, gelobt wird, und umso höher er steigt, desto mehr entfernt er sich von einem ehrlichem, ihn ernstnehmenden Umgang mit seiner Arbeit. Nur mit Ehrlichkeit wird man dem Theater überhaupt gerecht. Nur mit ehrlichem Hinsehen kann eine künstlerische Kritik auch nützlich sein.



Gastbeitrag von Nathalie Eckstein

You Might Also Like

0 x

COPYRIGHT


Soweit nicht anders angegeben, unterliegen alle Texte und Fotos dem Urheberrecht.
Eine Vervielfältigung oder Verwendung dieser und deren Veröffentlichung ist nur nach vorheriger Genehmigung gestattet.
Ich distanziere mich hiermit von den Inhalten verlinkter Seiten.

© 2016, janetki@web.de

DISCLAIMER