Vermeidbares Leid - Melinda und Bill Gates: Hunger, Wohlstand und Moral

Manchmal, da unterhält man sich und erfährt etwas Neues, doch es bleibt bloß für den Moment interessant, in dem der Inhalt greifbar in ...

Manchmal, da unterhält man sich und erfährt etwas Neues, doch es bleibt bloß für den Moment interessant, in dem der Inhalt greifbar in dem Gespräch präsent bleibt und er verfliegt mit der Zeit und dem ausgesprochenem Wort. Andere Male jedoch, setzt sich schon durch weniger Sätze eine Frage, eine These oder erzählte Erfahrung durch und verhakt sich in den Synapsen der Gedankenströme und entwickelt sich dort. In den letzten paar Wochen haben es einige komplett unzusammenhängende Themen geschafft, dass ich alle paar Tage über sie nachdenke und sie mit den Menschen in meinem Umfeld und meinen Freunden unbedingt besprechen musste. Und weil ich einfach nicht aufhören kann, auch hier einer der Ansätze dieser unterschiedlichen Themen, die ich diskutiert habe.





Schon seit Jahren setze ich mich mit der Philosophie Peter Singers auseinander, was mir schon den ein oder anderen Vorwurf eingebracht hat. Denn vollkommen zurecht ist der australische Philosoph und Ethiker, der aktuell an der Princeton University lehrt, umstritten. Ich beschäftige mich allerdings weniger mit seinen Theorien zum würdigen Leben, der Sterbehilfe, Schwangerschaftsabbruchparadoxien und dem Tierrecht (weil ich ihm in den meisten dieser Fälle nämlich widerspreche), sondern sehr viel mit dem Effektiven Altruismus. Der Effektive Altruismus (EA) ist eine soziale Bewegung, die darauf abzielt, den größtmöglichen effektiven Einfluss in globale soziale Projekte zu investieren, um somit gerechtigkeitsrelevante Veränderungen vorzubringen. EA verbindet den moralischen Willen zur globalen Veränderung mit der Effizienz von Wissenschaft und Utilitarismus. Auch das ist umstritten, aber den Kerngedanken halte ich für sehr richtig.


Wenn wir grausames Leid vermeiden können, sollten wir es tun

Vor zwei Wochen las ich Peter Singers Buch "Hunger, Wohlstand und Moral" mit einem Vorwort von Bill und Melinda Gates. Darin schildert Singer eines seiner mittlerweile rund 50 Jahre altes Argumente. Grob gefasst argumentiert er, dass es unsere moralische Pflicht sei, denjenigen zu helfen, denen es offensichtlich existenziell schlecht geht: Wir sollten so viel Leid verhindern, wie uns dies möglich ist, ohne etwas anderes von vergleichbarer moralischer Bedeutung zu opfern. Würden wir an einem Teich vorbeigehen, in dem ein Kind ertrinkt, so würden wir vermutlich auch nicht zögern und zustimmen, dass es unsere moralische Pflicht ist, dieses Kind vor dem Tod zu retten, obwohl wir vielleicht Zeit verlieren, Mühe aufwenden müssen, um es aus dem Teich zu ziehen und vielleicht sogar unsere teure Kleidung ruinieren. Denn im Vergleich zu dieser investierten Zeit, Mühe und dem (indirekt verlorenem) Geld wiegt das Leben eines Kindes einfach mehr.
Peter Singer geht allerdings weiter und sagt: Diese Situation – das akut ertrinkende Kind im Teich – liegt aktuell vor. Wir sehen dieses Kind bloß nicht, denn es ist eine Metapher für die Vielzahl an Kindern, die auf der ganzen Welt verhungern oder an Krankheit sterben und das, obwohl dies durch Ursachen geschieht, die durch Menschen und die Ressourcen, die wir haben, veränderbar und vermeidbar wären. So wie wir verpflichtet sind, das Kind im Teich zu retten, so sind wir auch verpflichtet das Kind auf der anderen Seite der Welt vor Malaria und Hungertod zu retten. Wir haben mehr als genug Geld, das wir für unessenzielle Dinge ausgeben, die nichts mehr mit Bedürfnissen zu tun haben, sondern mit luxuriösen Wünschen, die wir uns ermöglichen, während wir mit exakt diesem Geld, wenig Mühe und wenig Zeitaufwand Leben retten könnten und dafür lediglich einige Klicks über unser Online Banking tätigen müssten.
Eine Ethik, die ich zwar für richtig halte, ebenso aber für problematisch, denn sie zwingt den Einzelnen in eine Pflicht, Schuld und Scham, statt ihn positiv und produktiv an das Veränderungspotenzial heranzuführen.


Bill und Melinda Gates

Die Theorien zu Peter Singers Praktischer Pflichtethik und auch die Vorschläge des Effektiven Altruismus, wie dies in der Alltagsrealität zu realisieren ist, kannte ich bereits. Was für mich ein neuer Einblick war, waren die humanitären Aktivitäten von Bill und Melinda Gates und ihrer Stiftung.

"Für den Microsoft-Gründer Bill Gates kollidierte das Ideal, jedes Menschenleben als gleich wertvoll zu erachten, mit der Wirklichkeit, als er vor einigen Jahren in einem Artikel über Krankheiten in den Entwicklungsländern auf einer Statistik stieß, der zufolge jedes Jahr eine halbe Million Kinder an Rotavirus-Infektionen sterben, dem häufigsten Auslöser von schwerem Durchfall bei Kindern. Er hatte vom Rotavirus nie zuvor gehört. "Wie kann es sein, dass ich noch nie von etwas gehört habe, was jedes Jahr eine halbe Million Kinder tötet?", fragte er sich. In der Folge erfuhr er, dass in Entwicklungsländern Millionen Kinder an Krankheiten sterben, die in den USA vollständig oder fast vollständig ausgerottet sind. Das schockierte ihn, denn er ging davon aus, dass die Regierungen, wenn es lebensrettende Impfstoffe gab, alles in ihrer Macht Stehende tun würden, um sie zu den Menschen zu bringen, die sie brauchten. Wie Gates bei einer WHO-Versammlung in Genf erklärte, kamen er und seine Frau Melinda "nicht um die brutale Schlussfolgerung herum, dass – in unserer heutigen Welt – manche Leben für rettenswert erachtet werden und andere nicht." [...]
Gates Rede vor der WHO-Versammlung endete mit einem optimistischen Ausblick auf die nächsten zehn Jahre, in denen "die Menschen endlich akzeptieren werden, dass der Tod eines Kindes in einem Entwicklungsland eine ebenso große Tragödie ist wie der Tod eines Kindes in der entwickelten Welt". Diese Überzeugung von der Gleichwertigkeit allen menschlichen Lebens steht auch an prominenter Stelle auf der Website der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung: "Alle Leben haben gleichen Wert."
Im Einklang mit dieser Überzeugung zu leben, davon sind wir weit entfernt. In derselben Welt, in der über eine Milliarde Menschen in nie gekanntem Überfluss leben, kämpfen etwas eine Milliarde andere Menschen mit der Kaufkraft von umgerechnet weniger als einem Dollar pro Tag ums Überleben. Die meisten der ärmsten Menschen der Welt sind unterernährt, haben keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser und der rudimentärsten medizinischen Versorgung und können ihre Kinder nicht zur Schule schicken. Laut UNICEF sterben jährlich über zehn Millionen Kinder – etwa 30.000 pro Tag  aus vermeidbaren, armutsbedingten Gründen."

aus Peter Singer: Hunger, Wohlstand und Moral. S.78ff


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